Ein Härtetest, ein Rekordtransfer und eine Großbaustelle: Die SVE rüstet sich für die Bundesliga

Die SV Elversberg hat auch ihr zweites Testspiel der Sommer-Vorbereitung nicht verloren. Das 1:1 gegen den Schweizer Meister FC Thun lieferte dabei deutlich mehr Erkenntnisse als der klare Auftaktsieg beim FC Gießen. Während Vincent Wagner auf dem Platz an Belastbarkeit, Abläufen und personellen Lösungen arbeitet, setzt der Verein mit Cole Campbell und dem Ausbau der URSAPHARM-Arena an der Kaiserlinde auch daneben Zeichen für die neue Dimension Bundesliga.
Ergebnisse besitzen in der Vorbereitung nur begrenzte Aussagekraft. Interessanter ist, wie eine Mannschaft auf Widerstände reagiert und ob die erarbeiteten Inhalte sichtbar bleiben, wenn der Gegner selbst hohe Ansprüche stellt. In dieser Hinsicht war das 1:1 gegen den FC Thun ein aufschlussreicher nächster Schritt. Der Schweizer Meister war weiter in seiner Vorbereitung, startet bereits im Juli in die neue Spielzeit und brachte in Rust eine Intensität auf den Platz, die der SVE beim ersten Test noch nicht abverlangt worden war.
Thun begann druckvoll. Schon kurz nach dem Anpfiff musste Tim Boss zweimal eingreifen und verhinderte mit starken Reaktionen einen frühen Rückstand. Elversberg benötigte einige Minuten, um sich an das Tempo und die Aggressivität des Gegners zu gewöhnen. Gerade diese Anfangsphase machte den sportlichen Wert der Begegnung aus. Nach dem ungefährdeten 5:0 beim FC Gießen wurde die Mannschaft von Trainer Vincent Wagner diesmal sofort unter Stress gesetzt. Räume wurden schneller geschlossen, Zweikämpfe härter geführt, Fehler konsequenter bedroht. Es war genau jene Art von Test, die Hinweise liefert, ohne bereits endgültige Antworten geben zu können.
Die Reaktion der SVE fiel überzeugend aus. Nach den beiden frühen Möglichkeiten des Schweizer Meisters gewann Elversberg zunehmend Sicherheit, löste sich häufiger aus dem Druck und brachte das eigene Spiel nach vorne. Lukas Petkov, Noah Darvich und Luca Schnellbacher kamen zu gefährlichen Abschlüssen, scheiterten jedoch an Thuns Torhüter Niklas Steffen oder zielten knapp über das Tor. Aus einer zunächst schwierigen Partie entwickelte sich so ein Duell auf Augenhöhe, in dem die Elversberger immer besser jene Qualitäten erkennen ließen, die sie auch eine Spielklasse höher tragen sollen: Mut im Ballbesitz, Tempo nach Ballgewinnen und die Bereitschaft, sich nicht allein über defensive Stabilität in eine Begegnung hineinzukämpfen.
Nach 25 Minuten musste Wagner erstmals unfreiwillig wechseln. Schnellbacher hatte einen Tritt auf den Fuß bekommen und konnte nicht weiterspielen. David Mokwa übernahm im Angriff, ohne dass der Rhythmus darunter litt. Drei Minuten später führte ein zügig ausgespielter Konter zur Elversberger Führung. Petkov bediente auf der linken Seite Filimon Gerezgiher, der den Ball aus rund zehn Metern überlegt ins lange Eck schob. Das 1:0 war der Lohn dafür, dass sich die SVE nach den ersten schwierigen Minuten nicht hatte zurückdrängen lassen.
Defensiv hinterließ Elversberg über weite Strecken einen stabilen Eindruck. Kurz vor der Pause nutzte Thun allerdings eine seiner Möglichkeiten zum Ausgleich. Nach einer Flanke von rechts setzte sich Brighton Labeau am langen Pfosten durch und köpfte zum 1:1 ein. Wagner nutzte den Seitenwechsel anschließend für eine große Rotation. Carlo Sickinger, Amara Condé, Felix Keidel, Luca Pfeiffer, Tom Zimmerschied, Lasse Günther und Jason Ceka kamen neu in die Partie. Später erhielten mit Tyler Notarrigo und Louis Westrich auch zwei Nachwuchsspieler Einsatzzeit.
Trotz der zahlreichen Veränderungen wirkte Elversberg in den zweiten 45 Minuten nicht ungeordneter, sondern übernahm zunehmend die Kontrolle. Thun kam nur noch selten gefährlich nach vorne, während sich die SVE mehrere Möglichkeiten auf den Siegtreffer erarbeitete. Zimmerschied, Mokwa und Pfeiffer fehlten teilweise nur wenige Zentimeter. Dass das zweite Tor nicht mehr fiel, war im Gesamtbild weniger bedeutend als die Art, wie die Mannschaft nach den Wechseln auftrat. Wagner konnte unterschiedliche personelle Konstellationen prüfen, ohne dass die grundsätzliche Spielidee verloren ging.
Es war ein großer Sprung zur letzten Woche. Das Spiel gegen den FC Thun hat viel Spaß gemacht
Amara Condé
„Es war ein großer Sprung zur letzten Woche. Das Spiel gegen den FC Thun hat viel Spaß gemacht“, sagte Amara Condé nach der Begegnung. Der Satz beschreibt den Unterschied zwischen den ersten beiden Auftritten treffend. In Gießen hatte die SVE die Partie nahezu durchgehend beherrscht. Gegen Thun musste sie Probleme lösen, schlechte Momente überstehen und sich die Kontrolle erst erarbeiten. Der Schweizer Meister war nicht nur wegen seines Titels ein reizvoller Gegner. Thun befindet sich bereits näher am Pflichtspielmodus und ermöglichte deshalb eine realistischere Einschätzung des Elversberger Zustands.
Die personelle Ausgangslage relativiert das Ergebnis zusätzlich. Francis Onyeka fehlte weiterhin wegen seiner Teilnahme an der U19-Europameisterschaft. Maurice Krattenmacher, Raif Adam und Nicolas Kristof standen angeschlagen nicht zur Verfügung. Maximilian Rohr und Neuzugang Cole Campbell wurden aus Gründen der Belastungssteuerung noch nicht eingesetzt. Luis Seifert fehlte dagegen wegen einer Bänderverletzung. Damit musste Wagner auf mehrere Spieler verzichten, die im Verlauf der Vorbereitung und später auch im Bundesliga-Kader eine Rolle spielen sollen.
Vor allem bei Campbell war das Fehlen nicht als Warnsignal zu verstehen. Der 20-Jährige wurde bewusst noch nicht in den Spielbetrieb geschickt, nachdem sein Wechsel von Borussia Dortmund erst wenige Tage zuvor offiziell geworden war. Belastungssteuerung statt Verletzung lautet bei ihm die entscheidende Einordnung. Wann er erstmals im SVE-Trikot auf dem Platz stehen wird, dürfte dennoch mit besonderem Interesse verfolgt werden. Denn mit Campbell hat Elversberg nicht einfach einen weiteren jungen Spieler verpflichtet, sondern den finanziell bislang außergewöhnlichsten Transfer seiner Vereinsgeschichte realisiert.
Der BVB soll sich eine Rückkaufoption gesichert haben. Schon die Größenordnung der berichteten Ablöse zeigt jedoch, wie sehr sich die Möglichkeiten und die Anforderungen in Elversberg verändert haben. Die SVE investiert nicht in einen fertigen Star, sondern in Tempo, Entwicklungspotenzial und die Hoffnung, einen hochveranlagten Offensivspieler in einem passenden Umfeld auf die nächste Stufe zu bringen.
Der Ansatz ist nicht neu. Elversberg hat in den vergangenen Jahren immer wieder Spieler verpflichtet, deren Fähigkeiten größer erschienen als ihre damalige Rolle bei anderen Vereinen. Neu ist die finanzielle Dimension. Millionen-Transferswären für die SVE noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Nun wird diese Summe für einen 20-Jährigen aufgebracht, der bereits Bundesliga- und Champions-League-Luft geschnuppert hat, sich im Profifußball aber noch nicht dauerhaft durchsetzen konnte. Das ist ein kalkuliertes Risiko und zugleich eine Investition, die zur bisherigen Elversberger Idee passt. Der Verein bezahlt nicht für einen großen Namen, sondern für die Möglichkeit, dass aus einem außergewöhnlichen Talent ein außergewöhnlich wertvoller Spieler wird.
Campbells bisherige Laufbahn erklärt, weshalb sich die SVE zu diesem Schritt entschlossen hat. Der in Houston geborene Offensivspieler besitzt die amerikanische und die isländische Staatsbürgerschaft. Seine Ausbildung begann er in der Akademie von Atlanta United. Nach dem Umzug seiner Familie nach Island schloss er sich dem FH Hafnarfjörður an und debütierte dort bereits im Alter von 15 Jahren in der höchsten Spielklasse. Über Breidablik führte sein Weg 2022 in den Nachwuchs von Borussia Dortmund. Beim BVB entwickelte er sich bis in den Profikader, absolvierte sieben Pflichtspiele und kam dabei auch in der Champions League zum Einsatz. Während seiner Leihe zur TSG Hoffenheim sammelte er in der vergangenen Rückrunde fünf weitere Bundesliga-Einsätze.
Zunächst spielte Campbell für isländische Junioren-Auswahlen, ehe er sich 2024 für einen Verbandswechsel entschied. Seither kam er für die U19, U20 und U23 der USA auf insgesamt zwölf Länderspiele und nahm 2025 an der U20-Weltmeisterschaft in Chile teil. Sein Profil ist damit ungewöhnlich: früh im Männerfußball eingesetzt, in mehreren Ländern ausgebildet, technisch und athletisch auffällig, aber auf höchstem Niveau noch ohne feste Rolle. Genau diese Lücke möchte Elversberg schließen.
Mit Cole verpflichten wir einen weiteren hochtalentierten Spieler, der uns mit seinem außergewöhnlichen Tempo und seinen Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins enorm weiterhelfen wird.
Sportdirektor Christian Weber
Sportdirektor Christian Weber hebt vor allem jene Eigenschaften hervor, die der SVE in der Bundesliga zusätzliche Möglichkeiten geben sollen. „Mit Cole verpflichten wir einen weiteren hochtalentierten Spieler, der uns mit seinem außergewöhnlichen Tempo und seinen Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins enorm weiterhelfen wird. Wir haben uns bereits über einen längeren Zeitraum um ihn bemüht und freuen uns sehr, dass er sich für uns entschieden hat“, sagte Weber. Der Vierjahresvertrag bis Sommer 2030 verschafft dem Verein Planungssicherheit. Campbell ist nicht als kurzfristige Ergänzung verpflichtet worden, sondern als Spieler, dessen Entwicklung Elversberg über mehrere Jahre prägen und von der der Klub sportlich wie wirtschaftlich profitieren möchte.
Der Neuzugang selbst verwies nach der Unterschrift vor allem auf die Gespräche mit den Verantwortlichen und das Potenzial der Mannschaft. „Die Gespräche mit den Verantwortlichen waren von Anfang an sehr offen und haben sich genauso positiv weiterentwickelt. Ich habe das Gefühl, dass ich hier in ein spannendes Team komme, in dem viel Potenzial steckt und in dem ich mich gut einbringen kann. Deshalb bin ich sicher, dass dieser Schritt nach Elversberg genau der richtige ist. Ich freue mich auf die Mannschaft und die neue Zeit hier im Verein.“
Campbell muss nun zunächst ankommen, körperlich an die Belastung herangeführt werden und die Abläufe unter Wagner kennenlernen. Seine Geschwindigkeit und seine Stärke im direkten Duell könnten gerade in der Bundesliga wichtig werden, wenn Elversberg in manchen Partien weniger Ballbesitz haben und freie Räume konsequenter nutzen muss. Gleichzeitig wird von ihm verlangt werden, sich in das intensive Spiel gegen den Ball einzufügen. Allein das Talent wird nicht genügen. Die SVE hat in den vergangenen Jahren gerade deshalb so viele Spieler verbessert, weil sie individuelle Freiheit mit klaren Anforderungen verbunden hat.
Der Test gegen Thun deutete an, in welches Umfeld Campbell hineinwächst. Mit Darvich, Petkov, Gerezgiher, Ceka, Zimmerschied, Krattenmacher und Onyeka verfügt Wagner über verschiedene Möglichkeiten hinter und neben den Stürmern. Schnellbacher, Mokwa und Pfeiffer unterscheiden sich wiederum in ihren Profilen als zentrale Angreifer. Die Konkurrenz wird entsprechend groß sein. Für Campbell ist das keine Garantie auf Spielzeit, sondern eine Chance, sich in einer Mannschaft zu entwickeln, die von Bewegung, Mut und klaren offensiven Abläufen lebt.
Dass die Vorbereitung noch am Anfang steht, hatte der erste Test in Gießen gezeigt. Beim 5:0 gegen den deutlich niedrigerklassigen Gegner setzte Wagner nahezu seinen gesamten verfügbaren Kader ein. Alle Feldspieler erhielten jeweils 45 Minuten. Schnellbacher brachte die SVE früh in Führung, Kapitän Lukas Pinckert traf aus mehr als 20 Metern zum 2:0, Gerezgiher erhöhte noch vor der Pause. Nach dem vollständigen Teamwechsel erzielte Mokwa zwei weitere Treffer. Das Ergebnis hätte angesichts zahlreicher Chancen und mehrerer Aluminiumtreffer sogar höher ausfallen können.
Mehr als eine erste Bewegungseinheit unter Wettkampfbedingungen sollte dieser Auftakt dennoch nicht sein. Interessanter waren einzelne Eindrücke: Darvich suchte immer wieder den Abschluss und traf zweimal die Latte, Mokwa zeigte sich vor dem Tor effizient, und die Mannschaft blieb auch nach elf Wechseln klar überlegen. Gegen Thun waren die Anforderungen danach erheblich höher. Zusammengenommen ergeben beide Begegnungen ein schlüssiges Bild: Die Grundlagen sind vorhanden, die ersten Abläufe greifen, doch Belastung und Entwicklung sind derzeit wichtiger als Resultate.
Während die Mannschaft an ihrem Bundesliga-Niveau arbeitet, wächst auch die URSAPHARM-Arena weiter. An der Kaiserlinde entsteht mit der neuen Nordtribüne der letzte große Baustein des Umbaus. Nach der Fertigstellung soll die Arena Platz für rund 15.500 Zuschauer bieten und zu den modernsten Stadien Deutschlands gehören. Die Arbeiten an der Bodenplatte mussten während der extrem heißen Tage zeitweise unterbrochen werden, weil sich der Beton bei Temperaturen von bis zu 40 Grad nicht ordnungsgemäß verarbeiten ließ. Trotzdem sehen die Verantwortlichen den Zeitplan nicht grundsätzlich gefährdet. „Wir sind weiter gut im Plan, und bis auf das Dach soll die Nordtribüne im Dezember stehen. Wir arbeiten fast ausschließlich mit regionalen Unternehmen aus dem Saarland zusammen. Das klappt hervorragend, und wir können durch das großartige Engagement immer wieder ganze Tage herausarbeiten“, sagt Kai-Uwe Frantz, Geschäftsführer der Kaiserlinde-Stadiongesellschaft.
Wir sind weiter gut im Plan, und bis auf das Dach soll die Nordtribüne im Dezember stehen.
Kai-Uwe Frantz, Geschäftsführer der Kaiserlinde-Stadiongesellschaft
Die neue Tribüne soll mehr sein als zusätzlicher Zuschauerraum. Auf Spielfeldebene entstehen Bereiche für Mannschaften, Schiedsrichter und Interviews sowie etwa 120 Plätze in sogenannten Field-Lounges. Parallel wird die Verkehrsinfrastruktur erweitert. Zu den 800 vorhandenen Stellplätzen am Stadion soll ein weiterer Parkplatz mit etwa 500 Plätzen kommen. Der Park-and-Ride-Standort in Wellesweiler bietet bereits 1000 Stellplätze, von den Bahnhöfen in St. Ingbert und Neunkirchen setzt die SVE weiter auf ihren Shuttleservice.
Während der Bauphase darf der Verein seine Heimspiele dank einer Sondergenehmigung weiterhin in der URSAPHARM-Arena austragen. Die Abstimmung mit DFL, Behörden und Bauaufsicht bleibt damit ebenso wichtig wie der Fortschritt auf der Baustelle. Die SVE will nicht nur die aktuellen Anforderungen erfüllen, sondern vorausschauend bauen, damit das Stadion auch langfristig den Standards des Profifußballs genügt.
Sportlich, personell und infrastrukturell bewegt sich Elversberg in diesem Sommer auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Das 1:1 gegen Thun war keine große Standortbestimmung für die gesamte Bundesliga-Saison, aber ein sinnvoller Härtetest auf dem Weg dorthin. Die Verpflichtung Campbells zeigt, dass der Verein bereit ist, für Entwicklungspotenzial deutlich größere Summen einzusetzen als bisher. Der Stadionumbau wiederum macht sichtbar, dass der Aufstieg nicht als kurze Ausnahme behandelt wird. Die Dimensionen werden größer. Der Ansatz bleibt erkennbar derselbe.