Ein modernes Fußballmärchen

Die SV Elversberg hat als Drittplatzierter der 2. Liga die Relegation zur Bundesliga erreicht und ist damit Gegner des 1. FC Heidenheim. Die SVE gewann ihr abschließendes Liga-Spiel beim FC Schalke 04 mit 2:1.
Wenn Fußballgeschichte geschrieben wird, geschieht das oft in kleinen Momenten. In einem Zweikampf, einem abgewehrten Kopfball, einem satten Schuss aus der Distanz. Am Sonntagnachmittag hat die SV Elversberg im Stadion des FC Schalke 04 genau einen solchen Moment erschaffen – und mit einem leidenschaftlich erkämpften 2:1-Auswärtssieg den Relegationsrang erreicht. Was nach einem weiteren Erfolg auf dem Weg eines ambitionierten Zweitligisten klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein kleines sportliches Wunder: Die SVE, noch vor wenigen Jahren in der Regionalliga zu Hause, darf nun vom Aufstieg in die Bundesliga träumen.
Dabei war die Konstellation vor dem Spiel klar: Mit einem Sieg konnte Elversberg sich rechnerisch noch Hoffnung auf den direkten Aufstieg machen, Platz 3 wäre dann aus eigener Kraft gesichert. Der Weg dazu führte über Schalke – ein Klub, der noch immer den Glanz alter Bundesligajahre ausstrahlt, trotz einer durchwachsenen Saison. Interimstrainer Jakob Fimpel hatte seine Mannschaft nach dem ernüchternden 0:2 gegen Fortuna Düsseldorf auf zwei Positionen verändert: Für Antwi-Adjei und Younes rückten Gantenbein und Aydin in die Startelf. Horst Steffen hingegen sah nach dem souveränen 3:0 über Eintracht Braunschweig keinen Anlass, seine Formation umzustellen.
Elversberg begann mit erkennbarem Elan und zeigte früh, dass man gewillt war, Geschichte zu schreiben. Bereits in der dritten Minute gab es doppelte Aufregung im Strafraum der Schalker: Sowohl Asllani als auch Petkov kamen nach engen Zweikämpfen zu Fall – Schiedsrichter Robert Hartmann aber winkte beide Male ab. Zwei frühe Elfmeterpfiffe, die möglicherweise das Spiel in andere Bahnen hätten lenken können, blieben aus. Doch die SV Elversberg ließ sich nicht beirren. Nach einer knappen Viertelstunde glaubten die mitgereisten Fans der Saarländer dann, den Führungstreffer bejubeln zu dürfen: Sahin hatte einen Ball sehenswert per Volley über Schalke-Keeper Heekeren hinweg ins Tor gezimmert – Marke Tor des Monats. Doch der VAR schaltete sich ein und erkannte das Tor wegen einer Abseitsstellung im Vorfeld ab. Was andere Teams vielleicht aus der Balance gebracht hätte, wirkte auf Elversberg nur wie ein weiterer Antrieb. Nur zwei Minuten später war es dann so weit. Asllani legte auf den freistehenden Petkov, dessen Distanzschuss zwar nicht unhaltbar schien, aber dennoch zum 1:0 für die Gäste im Netz zappelte (20.). Der Lohn für eine mutige und spielerisch überzeugende Anfangsphase. Schalke versuchte in der Folge, offensiver zu agieren – doch Elversbergs Defensive stand kompakt, und wenn Gefahr aufkam, war da immer noch Torhüter Kristof. So etwa in der 45. Minute, als Karaman aus kurzer Distanz per Kopf abschloss und am glänzend parierenden Schlussmann scheiterte. Auch offensiv blieb Elversberg gefährlich: Asllani verpasste das 2:0 aus spitzem Winkel nur knapp (27.) und hätte kurz vor der Pause beinahe erneut getroffen, als er Heekeren umkurvte, jedoch den Ball nicht im leeren Tor unterbrachte (45.+2). Dass man zu diesem Zeitpunkt nicht schon höher führte, war die einzige Schwäche eines ansonsten disziplinierten und kontrollierten Auftritts.
Als zur Halbzeit aus Köln die Nachricht kam, dass der 1. FC Köln gegen Kaiserslautern mit 2:0 führte, war klar: Für den direkten Aufstieg würde es wohl nicht mehr reichen. Doch auf den Relegationsplatz hatte Elversberg weiterhin beste Chancen – und sie erhöhten sie selbst. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da traf Neubauer nach einem präzisen öffnenden Pass aus dem Mittelfeld mit einem wuchtigen Schuss in die rechte Ecke zum 2:0 (47.).
Im Anschluss nahm Elversberg etwas Tempo aus dem eigenen Spiel. Die Absicherung des Ergebnisses stand nun im Vordergrund. Dennoch boten sich weitere Chancen zur Vorentscheidung. Besonders Asllani hätte den Sack in der 63. Minute zumachen können, als er frei vor Heekeren auftauchte – doch der Schalker Torhüter rettete erneut. Fimpel reagierte und brachte 20 Minuten vor Schluss mit Lasogga einen erfahrenen Stürmer zurück auf die Zweitliga-Bühne. Der Druck der Königsblauen nahm in der Schlussphase zu, wenngleich ohne die ganz große Durchschlagskraft. Erst in der 85. Minute gelang Ben Balla nach einem Eckball per Kopf der Anschlusstreffer – zu spät, wie sich herausstellen sollte. Elversberg brachte den knappen, aber verdienten Sieg über die Zeit. Angesichts der Ergebnisse auf den anderen Plätzen wäre selbst eine Niederlage letztlich genug für Rang drei gewesen. Doch dass man sich diesen Erfolg selbst erspielt hatte, passte zu dieser Saison.
Wir sind megastolz, wir haben über die gesamte Saison eine überzeugende Leistung gezeigt und unsere Gegner teilweise hergespielt
resümierte Kapitän Robin Fellhauer unmittelbar nach Abpfiff bei Sky. Worte, die nicht übertrieben erscheinen, wenn man auf den Saisonverlauf blickt. In den letzten acht Spielen blieb die SVE ungeschlagen, holte dabei 18 Punkte und machte so einen bemerkenswerten Sprung vom neunten auf den dritten Tabellenplatz. Auch Sportvorstand Ole Book fand im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen eine treffende Erklärung für den Höhenflug seines Teams:
Ich glaube, das ist auch eine Entwicklung der vergangenen Jahre. Aber in dieser Saison haben wir eine große Qualität im Team, die Jungs haben sich wirklich gut zusammengefunden und sind eine tolle Mannschaft geworden. Viele Spieler haben sich nochmal entwickelt, und wenn man die Art und Weise sieht, wie wir spielen, erkennt man Substanz. Es sind also viele Faktoren zusammengekommen: Gute, fleißige Arbeit von vielen Menschen und an der richtigen Stelle auch noch eine Portion Glück.
Die Euphorie ist groß, doch bei aller Freude bleibt man im Saarland geerdet. Fellhauer betont:
Alles kann – nichts muss; in der Relegation haben wir nichts zu verlieren, nur was zu gewinnen.
Der Gegner steht mit dem 1. FC Heidenheim fest – am Donnerstag geht es zunächst auswärts zur Sache, ehe am Montag darauf das Rückspiel in Elversberg stattfindet. Verzichten muss Coach Horst Steffen auf Abwehrchef Pickert, der sich auf Schalke die zehnte Gelbe Karte der Saison eingehandelt hat. Und Steffen? Der bleibt, wie schon die gesamte Saison, demütig und bodenständig:
Ich will jetzt nicht mit fifty-fifty ankommen
sagte er.
Wir haben die Möglichkeit, zu zeigen, was wir können. Wenn es auch nur eine Chance von ein paar Prozent gibt, werden wir versuchen, sie zu nutzen. Wir freuen uns auf die zwei Spiele.
Die SVE spielt bald gegen den Abstiegskandidaten aus der Bundesliga um den Aufstieg – das wäre nicht nur eine Sensation, sondern ein weiterer Beweis dafür, wie kraftvoll und unberechenbar der Fußball sein kann, wenn Leidenschaft, Disziplin und ein bisschen Glück zusammentreffen. Die SV Elversberg hat sich ihren Platz in der Relegation nicht erträumt – sie hat ihn sich erarbeitet.