Elversberg vor anspruchsvoller Aufgabe auf der Alm

Mit Selbstvertrauen, aber auch mit Respekt reist die SV Elversberg zum Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld. Für die Mannschaft von Vincent Wagner beginnt in Ostwestfalen eine Englische Woche, in der drei Pflichtspiele innerhalb von sieben Tagen anstehen. Der Tabellenführer der 2. Bundesliga trifft dabei auf einen Gegner, der nach seiner märchenhaften Vorsaison wieder für Stimmung in der SchücoArena sorgt.
Die SV Elversberg steht vor einer Woche der besonderen Sorte. Drei Partien in sieben Tagen – die Englische Woche, die durch den DFB-Pokal bedingt ist, verlangt dem Team von Vincent Wagner alles ab. Zum Auftakt wartet an diesem Samstag ab 13 Uhr das Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld, einem Aufsteiger, der sich in dieser Saison längst nicht mehr nur mit dem Etikett des Neulings zufriedengibt. In der SchücoArena, die am Wochenende ausverkauft sein wird, erwartet die Saarländer ein Gegner mit Wucht, Geschichte und einer sportlichen Entwicklung, die in Ostwestfalen derzeit kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Die vergangene Spielzeit verlief für Arminia Bielefeld wie ein Fußballmärchen. Nach dem Abstieg aus der 2. Liga 2023 formte Trainer Mitch Kniat aus einer verunsicherten Mannschaft einen Titelträger und Pokalsensationär. Bielefeld gewann die 3. Liga souverän und zog gleichzeitig bis ins DFB-Pokal-Finale ein, wo der Klub gegen den VfB Stuttgart ein respektables Spiel zeigte. „Bielefeld hatte zuletzt acht Spieler in der Startaufstellung, die vor wenigen Monaten noch im DFB-Pokal-Finale gestanden und dort gegen den VfB Stuttgart auch ein gutes Spiel geliefert haben. Es wird auf jeden Fall eine große Intensität auf uns zukommen“, sagt Elversbergs Trainer Vincent Wagner. „Wichtig wird sein, diese aufzunehmen und nicht nur selbst intensiv Fußball zu spielen, sondern auch unsere spielerischen Elemente einzubringen.“
Mit Blick auf den bisherigen Saisonverlauf ist das keine Floskel. Denn Bielefeld, das seine Rückkehr in die 2. Liga mit einem 5:1 gegen Fortuna Düsseldorf und einem 2:0 gegen Holstein Kiel furios feierte, knüpfte direkt an die Erfolge der Vorsaison an. Auch der 1:0-Pokalsieg gegen Erstligist Werder Bremen zeigte, dass die Mannschaft von Kniat in der Lage ist, auch höherklassige Gegner zu bezwingen. Zwar kamen in den vergangenen Wochen auch Niederlagen hinzu, doch das Grundgefühl in Bielefeld ist intakt – getragen von einem vollen Stadion, einem geeinten Umfeld und einer Spielweise, die auf Intensität und Leidenschaft basiert.
Kniat selbst erwartet einen schwierigen Nachmittag. „Elversberg ist eine sehr gute Mannschaft mit sehr guten Ansätzen. Sie stellen jeden Gegner vor schwere Aufgaben und finden mit dem Ball immer wieder Lösungen“, sagt der Bielefelder Trainer. „Wenn man ihnen Räume in die Tiefe gibt, nutzen sie das konsequent. Zudem besetzen sie den Rückraum stark und verteidigen mit Leidenschaft.“ Für seine eigene Mannschaft fordert er daher „defensive Stabilität“ und einen geschlossenen Auftritt: „Wir müssen uns dieser Aufgabe stellen, defensiv stabiler auftreten als in den letzten Wochen und dürfen ihnen nicht zu viele Möglichkeiten geben. Wenn wir an unsere Grenze gehen und das Gesicht zeigen, das uns in der vergangenen Saison und zu Saisonbeginn ausgezeichnet hat, kann es ein richtig gutes Spiel werden.“
Für Bielefeld fällt das Heimspiel mitten in eine Phase, in der der Verein noch die Balance zwischen Euphorie und Alltag sucht. „Wir haben Spiele verloren, aber alle wissen, dass wir als Verein eine Einheit sind – Mannschaft, Fans und alle drumherum. Genau das gibt uns momentan die größte Kraft“, sagt Kniat. Personell muss er am Samstag auf Jeredy Hiltermann, Stefano Russo und Roberts Uldrikis verzichten. Ob Marvin Mehlem und Joel Felix einsatzbereit sind, entscheidet sich kurzfristig.
Während die Gastgeber auf Stabilität hoffen, reist Elversberg mit einem bemerkenswerten Lauf an. Der Tabellenführer hat in den ersten neun Partien sieben Siege, ein Unentschieden und nur eine Niederlage eingefahren – 22 Punkte, das gab es in der 2. Bundesliga seit acht Jahren nicht mehr. Zuletzt überrollte die SVE die SpVgg Greuther Fürth mit 6:0 und demonstrierte dabei, wie variabel und effizient sie derzeit auftritt. Der Erfolg basierte auf der Mischung aus Effektivität und Struktur, auf einer Mannschaft, die als Kollektiv funktioniert, aber auch über individuelle Qualität verfügt.
Im Mittelpunkt stand beim Sieg gegen Fürth einmal mehr Younes Ebnoutalib. Der 22-Jährige, der noch zu Jahresbeginn in der Hessenliga spielte, erzielte beim Kantersieg einen lupenreinen Hattrick. Mit neun Toren in neun Spielen führt er nun die Torschützenliste der 2. Liga an. „Ohne die schönen Flanken und Pässe von meinen Mitspielern hätte ich die ganzen Tore ja nicht gemacht“, sagte Ebnoutalib nach seinem Galaauftritt und stellte damit das Wir-Gefühl über seinen eigenen Erfolg. Auch Torwart Nicolas Kristof hob die mannschaftliche Geschlossenheit hervor:
Wir bleiben gerne in der Underdogrolle. Aber den Favoritenstatus erarbeiten wir uns nun mal. Und den nehmen wir auch an.
Wagner selbst bleibt dennoch auf dem Boden. Der Trainer, der im Sommer von Hoffenheims U23 nach Elversberg kam und Horst Steffen ablöste, ist bekannt dafür, selbst Spitzenleistungen nüchtern einzuordnen. Nach dem 6:0 gegen Fürth sprach er von einem „guten Spiel“ und fügte an: „Im Ergebnis sogar sehr gut, inhaltlich gut-minus.“ Auch seine Statistikinterpretation blieb typisch Wagner: „Wir hatten drei Tore zu viel geschossen“, sagte er mit Blick auf die xGoals-Werte, „und Fürth eins zu wenig. So souverän war das nicht.“
Diese analytische Bodenhaftung prägt die Mannschaft ebenso wie das Selbstverständnis, mit dem sie Woche für Woche auftritt. Der Coach spricht weiterhin vom Klassenerhalt als Ziel: „Es sind noch 18 Punkte – der Countdown läuft.“ Dabei betont er die enge Struktur der Liga und die Unwägbarkeiten einer langen Saison. „Die Liga ist so brutal, so eng – lass sich mal zwei Spieler auf der falschen Position verletzen“, so Wagner. Doch selbst dann, sagt er, sei mit seiner Truppe vieles möglich.
Die Zahlen untermauern das Bild eines Teams auf höchstem Zweitliganiveau. Im Schnitt erzielt Elversberg 2,4 Tore pro Spiel – Bestwert der Liga. Ebenso beeindruckend: Knapp ein Drittel der bisherigen 22 Treffer resultierte aus Standardsituationen. Diese Effizienz und Variabilität machen die Saarländer schwer ausrechenbar. Auf der anderen Seite treffen sie in Bielefeld auf eine Mannschaft, die ebenfalls großen Wert auf Standards und Kompaktheit legt – ein Duell also, das von Kleinigkeiten, von Tempo und von Präzision in den entscheidenden Momenten entschieden werden dürfte.
Für Elversberg ist es der erste Auftritt überhaupt in der SchücoArena.
Wir freuen uns richtig darauf; auf ein schönes Spiel in einem schönen Stadion – aber es wird auch eine große Aufgabe
sagt Wagner. Offen ist noch, wie sich der Kader am Samstag zusammensetzt. Krankheitsbedingt fehlen derzeit Carlo Sickinger und Daniel Pantschenko. Die Englische Woche könnte zudem für Rotationen sorgen, auch im Hinblick auf die anstehenden Pokal- und Ligaspiele.
Das Duell mit Arminia Bielefeld ist daher mehr als nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur magischen 40-Punkte-Marke. Es ist ein Gradmesser für die Stabilität einer Mannschaft, die sich in kürzester Zeit vom Außenseiter zum Taktgeber der Liga entwickelt hat – ohne dabei den Blick für das Wesentliche zu verlieren. In Bielefeld wartet ein Gegner, der auf seine eigene Art ein Spiegel dieser Geschichte ist: leidenschaftlich, zielstrebig, mit klarem Plan. Zwei Teams, die wissen, wo sie herkommen – und die am Samstag auf der Alm beweisen wollen, wie weit sie schon sind.