Nach dem ersten Bundesliga-Sieg wartet auf die SV Elversberg gleich die nächste Premiere: Am Samstag bestreitet die Mannschaft von Trainer Vincent Wagner bei Borussia Mönchengladbach das erste Auswärtsspiel ihrer Bundesliga-Geschichte. Elversberg reist mit Selbstvertrauen an den Niederrhein – weiß aber auch, dass die Mannschaft im Borussia-Park über 90 Minuten an ihre Grenzen gehen muss.
Die Bundesliga ist in Elversberg angekommen. Nun geht die SV Elversberg zum ersten Mal mit ihr auf Reisen. Eine Woche nach dem furiosen 3:2 gegen Bayer 04 Leverkusen fährt die Mannschaft von Trainer Vincent Wagner nach Mönchengladbach, wo an diesem Samstag um 15.30 Uhr das nächste Kapitel der Vereinsgeschichte geschrieben wird. Erstmals tritt die SVE in einem Bundesliga-Spiel außerhalb des Saarlandes an. Rund 55.000 Zuschauer werden im ista-Borussia-Park erwartet, mehr als 2.000 Anhänger reisen aus Elversberg mit.
Die SVE fährt allerdings nicht an den Niederrhein, um die Kulisse zu bestaunen. Der Auftaktsieg gegen Leverkusen hat gezeigt, dass Wagners Mannschaft auch in der höchsten deutschen Spielklasse nicht von ihrer Idee abrücken muss. Mutig, offensiv und voller Energie setzte sie den Favoriten unter Druck, schaltete nach Ballgewinnen zielstrebig um und belohnte sich bereits in der achten und neunten Minute mit zwei Treffern. Von vorsichtiger Eingewöhnung war nichts zu sehen.
Über rund 70 Minuten gelang das auf bemerkenswerte Weise. Danach wurde die Partie enger, Leverkusen kam zurück und Elversberg musste um den historischen Erfolg kämpfen. Deshalb taugt das 3:2 nicht nur als Rückenwind, sondern auch als Arbeitsauftrag: In Gladbach soll die SVE Intensität, Klarheit und offensiven Mut möglichst über die gesamte Spielzeit bewahren. Sie hat erfahren, wie viel sie einem hochklassigen Gegner abverlangen kann – aber auch, wie schnell ein Bundesligaspiel kippen kann.
Wagner und sein Trainerteam haben beides in der Vorbereitung auf Gladbach aufgegriffen. „Es macht uns im Trainerteam sehr viel Spaß, uns auf die Spiele vorzubereiten, weil wir bei den Gegnern eine extrem hohe Qualität sehen. Wir haben in der Trainingswoche die Dinge, die gut waren, weiter vertieft. An den Dingen, die wir besser machen dürfen, arbeiten wir fleißig“, sagt der 40-Jährige.
Dass die Stimmung in Elversberg nach dem ersten Bundesliga-Sieg gelöst war, ließ sich in diesen Tagen dennoch kaum übersehen. Es wurde gelacht und gescherzt, ohne dass die Konzentration auf die nächste Aufgabe verloren ging. Wagner selbst geriet beim Blick auf eine Spielform im Training ins Schwärmen. „Wenn ich am Dienstag im Training das Elf gegen Elf gesehen habe: einfach nur geil“, sagte er. Für Lukas Petkov hatte die Woche noch einmal eine ganz eigene Bedeutung. Der 25-Jährige hatte gegen Leverkusen das erste Bundesligator der SVE-Geschichte erzielt und anschließend zahlreiche Nachrichten auf seinem Mobiltelefon vorgefunden. „Das hat schon gedauert, bis ich das alles realisiert habe. Aber es hat Spaß gemacht“, sagt Petkov.
Solche Momente gehören zu diesem ersten Bundesliga-Jahr. Entscheidend wird für Elversberg sein, aus ihnen keine Zufriedenheit, sondern neue Energie zu ziehen. Der erste Sieg hat den Glauben an den eingeschlagenen Weg gestärkt. Er hat zugleich unterstrichen, warum die Verantwortlichen kurz vor dem Ende der Transferperiode auf hektische Reaktionen verzichteten. Filimon Gerezgiher und Jason Ceka verließen den Verein wie seit Wochen erwartet, ein kurzfristiger Zugang kam nicht mehr hinzu. Wagner spricht von einem „kleinen, aber sehr, sehr feinen Kader“ und war erleichtert, dass die SVE nicht auf den letzten Metern noch von ihrer Linie abwich. „Ich war froh, dass wir nicht noch irgendetwas Komisches gemacht haben, was nicht unserem Stil entspricht“, sagt der Trainer und schiebt den entscheidenden Satz hinterher:
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Wir glauben an unsere Gruppe.
– Vincent Wagner
Dieser Glaube wird in Mönchengladbach anders geprüft als beim Heimauftakt. Die Borussia verlor ihr erstes Saisonspiel mit 0:3 bei RB Leipzig und steht vor der eigenen Heimpremiere unter Druck. Viele Gladbacher Anhänger erwarten gegen den Bundesliga-Neuling eine Reaktion und einen Sieg. Die SVE trifft somit auf einen traditionsreichen Erstligisten mit hoher individueller Qualität, der vor eigenem Publikum etwas zurechtrücken muss.
Die Niederlage in Leipzig legte vor allem in der Arbeit gegen den Ball Probleme offen. Gladbach verlor die Kompaktheit, erkannte Gefahren teilweise zu spät und ließ sich in entscheidenden Situationen zu leicht überwinden. Torhüter Moritz Nicolas verhinderte mit mehreren Paraden sogar eine höhere Niederlage. Trainer Eugen Polanski formulierte anschließend deutlich, was er von seiner Mannschaft gegen Elversberg erwartet: „Beim ersten Treffer haben wir die Gefahr einfach nicht erkannt, solche Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Jeder einzelne muss auch ohne Ball immer mitlaufen, um dann bei Bedarf einen wichtigen Zweikampf auch führen zu können.“
Gerade darin liegt für die Elv eine Chance. Gelingt es ihr, Ballgewinne erneut mit Tempo auszuspielen, kann sie die Unsicherheit des Gegners verstärken. Gegen Leverkusen zeigte die SVE, wie gefährlich sie wird, wenn sie nach Umschaltsituationen ohne Zögern den Weg zum Tor sucht. Auf dessen Auftaktniederlage darf sie Gladbach dennoch nicht reduzieren.
Kurz vor dem Ende der Transferperiode verstärkte sich die Borussia noch mit Nicolas Kühn. Der 26-Jährige kam für ein Jahr auf Leihbasis von Como 1907 und ist bereits gegen Elversberg ein Kandidat für die Startelf. Mit seinem hohen Tempo, seinem starken linken Fuß und seiner Qualität im Eins-gegen-eins erweitert er die Möglichkeiten auf dem Flügel. Auf der anderen Seite kann Franck Honorat mit seinen präzisen Flanken für Gefahr sorgen. Im Zentrum steht zudem Tim Kleindienst nach langer Verletzungspause wieder für 90 Minuten bereit. Der Nationalspieler hat seine Abschlussstärke längst nachgewiesen, könnte nach fast einem Jahr Pause aber noch Anlaufzeit benötigen. Auch Isac Lidberg soll seine in Darmstadt gezeigte Torgefahr nun eine Spielklasse höher einbringen.
Während Gladbach offensiv über Alternativen verfügt, ist die Personallage in anderen Mannschaftsteilen deutlich angespannter. Besonders hart traf den Verein die schwere Verletzung von Enzo Leopold. Der Zugang von Hannover 96 zog sich im Training einen Riss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie zu und wird monatelang fehlen. Jens Castrop und Zento Uno stehen im Mittelfeld ebenfalls nicht zur Verfügung. Auf der rechten Abwehrseite fallen Yukhym Konoplya und Daiki Hashioka aus. Damit bleibt Joe Scally, dessen möglicher Abschied zuvor noch ein Thema gewesen war, eine wichtige Option.
Die Ausfälle treffen vor allem jene Bereiche, in denen Gladbach schon in Leipzig Schwierigkeiten hatte. Philipp Sander und Kevin Stöger bekamen dort Tempo und spielerische Qualität des Gegners nicht zuverlässig unter Kontrolle. Polanski könnte deshalb Florian Neuhaus wieder eine Möglichkeit geben oder dem erst 18 Jahre alten Mathieu Nguefack mehr Verantwortung übertragen. „Wir haben Mathieu während der Vorbereitung herangeführt und er hat große Schritte gemacht. Er kann uns schon jetzt etwas geben, hat aber auch noch viel zu lernen“, sagt der Gladbacher Trainer. Die personellen Probleme machen die Borussia nicht harmlos, sie verändern aber die Ausgangslage: Elversberg trifft auf einen Gegner, dessen Qualität außer Frage steht, dessen Gefüge zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison jedoch noch nicht stabil wirkt.
Für die SVE kommt es deshalb auf die richtige Mischung an. Sie darf die Räume, die Gladbach möglicherweise anbietet, mit derselben Entschlossenheit attackieren wie gegen Leverkusen. Sie muss zugleich verhindern, dass aus Mut Übermut wird. Vor allem die Gladbacher Flügel und die Präsenz von Kleindienst verlangen konsequente Rückwärtsarbeit, gute Abstände und Aufmerksamkeit bei Hereingaben. In einer großen, lautstarken Arena werden zudem Phasen kommen, in denen Elversberg nicht selbst den Takt vorgibt. Dann braucht es die Ruhe, gemeinsam zu verteidigen und den nächsten Moment für einen eigenen Angriff abzuwarten.
Wagner stellt die Schwere der Aufgabe deshalb auf eine Stufe mit dem Auftakt. „Wir erwarten eine Hürde, die nicht viel kleiner ist als Leverkusen. Wir spielen vor 55.000 wirklich fanatischen Zuschauern im Borussia-Park, wo die Unterstützung immer sehr groß für ihre Mannschaft ist. Das ist schon eine große Herausforderung“, sagt er. Die SVE wird in dieser Atmosphäre allerdings nicht allein sein. Mehr als 2.000 Anhänger begleiten die Mannschaft bei ihrer ersten Bundesliga-Auswärtsfahrt.
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Wir freuen uns über jeden, der mitfährt!
– betont Vincent Wagner
Personell kann der Trainer weitgehend auf dieselbe Gruppe zurückgreifen, die den Auftaktsieg errungen hat. Sämtliche Spieler, die gegen Leverkusen im Kader standen, sind einsatzbereit. Tom Zimmerschied arbeitet nach seinen Rückenproblemen zwar wieder mit der Mannschaft und nähert sich Schritt für Schritt der vollen Belastung, das Spiel in Mönchengladbach kommt für ihn jedoch noch zu früh. Große Veränderungen sind bei der SVE damit nicht erforderlich. Der kleine Kader, dem Wagner so ausdrücklich vertraut, erhält die nächste Gelegenheit, dieses Vertrauen zu rechtfertigen.
Nach der Partie wartet auf den SVE-Trainer noch eine persönliche Premiere. Wagner wird am Samstagabend als erster Trainer des Vereins im ZDF-Sportstudio zu Gast sein. Viel Raum nimmt dieser Termin in seinen Gedanken vor der Partie allerdings nicht ein. „Die Priorität liegt zu 110 Prozent auf dem Sportplatz in Gladbach um 15.30 Uhr“, stellt er klar. Warum die Einladung ausgerechnet ihn erreicht habe, beantwortete er mit jener Leichtigkeit, die nach dem gelungenen Saisonstart rund um die SVE zu spüren ist: „Unfälle passieren, habe ich mal gelernt.“
Bevor Wagner im Fernsehstudio über Elversbergs außergewöhnlichen Weg sprechen kann, muss seine Mannschaft diesen Weg auf dem Rasen fortsetzen. Der erste Bundesliga-Sieg ist geschafft, nun folgt das erste Auswärtsspiel. Die Kulisse wird größer, der Widerstand anders und der Druck im Stadion vor allem auf den Gastgeber gerichtet sein. Elversberg reist trotzdem nicht mit der Haltung eines Besuchers nach Mönchengladbach. Die ersten 70 Minuten gegen Leverkusen haben gezeigt, wie die Elv auch in der Bundesliga bestehen will. Am Samstag muss sie beweisen, dass sie diesen Mut mit auf Reisen nehmen kann.
