Intensives 3:3 in Darmstadt: SV Elversberg nimmt Punkt aus wildem Topspiel mit

Ein Spiel, das alles hatte – nur keinen Sieger. Die SV Elversberg liefert beim 3:3 im Topspiel beim SV Darmstadt 98 einen wilden, intensiven und phasenweise hochklassigen Auftritt ab, dreht einen Zwei-Tore-Rückstand, spielt lange in Überzahl – und steht am Ende dennoch mit einem Ergebnis da, das sich eher wie ein Rückschritt anfühlt. Es ist ein Abend zwischen Ekstase und Kontrollverlust, zwischen Qualität und verpasster Chance.
Der Beginn gehört zunächst der SVE. Die Mannschaft von Vincent Wagner tritt selbstbewusst auf, übernimmt früh die Kontrolle, wirkt strukturiert im Ballbesitz. Lukas Petkov sucht aus der Distanz den Abschluss, Lasse Günther bringt über die linke Seite Dynamik ins Spiel. Es sind erste Ansätze eines Auftritts, der Stabilität verspricht. Doch diese Stabilität hält nur wenige Minuten.
Dann folgen 58 Sekunden, die das Spiel komplett verändern. Nach einer abgewehrten Ecke trifft Darmstadts Patric Pfeiffer per Hacke zum 1:0 (14.), kurz darauf nutzt Fraser Hornby einen Fehlpass im Aufbau eiskalt zum 2:0 (15.). Zwei Aktionen, zwei Treffer – und plötzlich steht Elversberg vor einem Szenario, das nach einem kontrollierten Start kaum erklärbar wirkt.
Es ist ein Moment, in dem Spiele kippen können. Doch Elversberg reagiert nicht hektisch, sondern bemerkenswert gefasst. Die Mannschaft sucht auf dem Platz den Austausch, formiert sich neu und kehrt schnell in ihre Struktur zurück. „Fußballherz was möchtest du mehr! Wir starten eigentlich gut ins Spiel, auf einmal stehts 0:2, dann kommen wir sehr stark zurück, da bin ich sehr stolz auf meine Mannschaft“, sagt Wagner später.
Fußballherz was möchtest du mehr! Wir starten eigentlich gut ins Spiel, auf einmal stehts 0:2, dann kommen wir sehr stark zurück, da bin ich sehr stolz auf meine Mannschaft
SVE-Trainer Vincent Wagner
Diese Reaktion ist der erste Schlüssel dieses Spiels. Elversberg bleibt geduldig, spielt weiter nach vorne, gewinnt zunehmend Kontrolle über das Geschehen. Die Abläufe werden klarer, die Präsenz im letzten Drittel wächst. David Mokwa hat zunächst per Kopf die große Chance zum Anschluss, setzt den Ball aber noch über das Tor. Kurz darauf macht es Tom Zimmerschied besser. Nach einem unübersichtlichen Moment im Strafraum behält er die Übersicht und schiebt zum 1:2 ein (26.) – ein Treffer, der nicht nur das Spiel wieder öffnete, sondern auch für Zimmerschied wichtig war: durch seinen Fehlpass kassierte die SVE das schnelle zweiten Gegentor. Seine Reaktion darauf war aller Ehren wert.
Mit dem Anschluss verändert sich die Dynamik spürbar. Elversberg übernimmt nun vollständig die Kontrolle, zwingt Darmstadt zunehmend in die Defensive. Die Kombinationen werden präziser, die Wege klarer. Maximilian Rohr setzt mit einem Distanzschuss ein Ausrufezeichen und trifft zum 2:2 (34.). Ein Tor, das die Überlegenheit der Gäste in dieser Phase unterstreicht.
Die Partie ist jetzt offen – und sie bleibt es nicht lange. Kurz vor der Pause folgt die nächste entscheidende Szene. Nach einem schnellen Umschaltmoment läuft Mokwa alleine auf das Tor zu, wird gefoult – Notbremse, Rote Karte für Darmstadt. Die folgende Standardsituation bringt die Führung: Petkov tritt an, der Ball wird abgefälscht und schlägt zum 3:2 ein (45.+4). Elversberg hat das Spiel gedreht – und scheinbar alle Voraussetzungen geschaffen, um es zu kontrollieren.
Genau hier liegt der Wendepunkt des Abends. Denn mit Wiederanpfiff verändert sich das Spiel grundlegend. Darmstadt, nun in Unterzahl, kommt mit einer Energie zurück, die den Spielverlauf erneut kippt. „Wir haben uns aber gesammelt und spielen, wie ich finde, eine extrem gute zweite Halbzeit“, sagt SVD-Trainer Florian Kohfeldt.
Seine Mannschaft agiert nun mit hoher Intensität, läuft aggressiv an, verteidigt leidenschaftlich und zwingt Elversberg zu Fehlern. Die SVE hingegen verliert an Klarheit. Die Struktur aus der ersten Hälfte geht verloren, das Spiel wird hektischer, unpräziser. „In der Phase war nicht zu merken, dass wir einer mehr waren“, beschreibt Wagner treffend.
Der Ausgleich fällt früh und passt ins Bild dieser Phase. Isac Lidberg setzt sich über die linke Seite durch, legt quer – Hornby trifft zum 3:3 (51.). Es ist ein Tor, das nicht nur den Spielstand ausgleicht, sondern auch die Kontrolle endgültig auflöst.
In der Folge entwickelt sich eine Partie, die weniger von Struktur als von Momenten lebt. Elversberg hat weiterhin mehr Ballbesitz, doch daraus entsteht kaum Gefahr. Die Angriffe wirken zunehmend ideenlos, die Präzision im letzten Drittel fehlt. Darmstadt hingegen bleibt trotz Unterzahl gefährlich, setzt immer wieder Nadelstiche. „Wir sind über uns physisch hinausgewachsen, wir sind gelaufen und sind immer füreinander da gewesen“, beschreibt Kohfeldt die Leistung seiner Mannschaft.
Wir sind über uns physisch hinausgewachsen, wir sind gelaufen und sind immer füreinander da gewesen
SVD-Trainer Florian Kohfeldt
Je länger das Spiel dauert, desto mehr verschiebt sich das Gefühl. Aus einer Partie, die Elversberg im Griff hatte, wird ein offenes Duell, in dem auch Darmstadt dem Sieg näherkommt. Die größte Möglichkeit gehört den Gastgebern, als Lidberg in der Schlussphase frei auf das Tor zuläuft und nur durch ein Foul gestoppt werden kann. Eine Szene, die Diskussionen auslöst – und die zeigt, wie sehr das Spiel inzwischen gekippt ist. Denn eine gewisse Ähnlichkeit zur roten Karte der Darmstädter ließ sich nicht abstreiten – dennoch lag der Schiedsrichter mit dieser Entscheidung richtig. Pinckert verhinderte keine klare Torchance.
Auch Elversberg hat in der Nachspielzeit noch Momente im gegnerischen Strafraum, doch die letzte Konsequenz fehlt. Es bleibt beim 3:3 – einem Ergebnis, das sich unterschiedlich anfühlt, je nach Perspektive und Spielphase.
„Nach 20 Minuten hätte ich mich über ein 3:3 sicherlich gefreut, am Ende nach einer Halbzeit in Überzahl natürlich nicht“, sagt Wagner. Diese Einordnung bringt die Ambivalenz des Abends auf den Punkt. Elversberg hat Moral bewiesen, Qualität gezeigt, ein Spiel gedreht – und dennoch die Kontrolle verloren, als sie am wichtigsten gewesen wäre.
Auch auf Darmstädter Seite überwiegt nicht die pure Zufriedenheit. „Dennoch ist dieser Punkt, so ehrlich muss man sein, zu wenig, um noch Druck auf die ersten Drei zu machen“, sagt Kohfeldt. Torhüter Marcel Schuhen spricht von einem „völlig wilden Spielverlauf“ und hebt vor allem die kollektive Leistung hervor: „Die Jungs haben in Unterzahl alles reingeworfen, das war schon gut.“
Für Elversberg bleibt ein Spiel, das in Erinnerung bleiben wird – aber nicht nur wegen der sechs Tore. Es ist die Art und Weise, wie die Mannschaft auf Rückschläge reagiert, wie sie ein Spiel drehen kann, die beeindruckt. Gleichzeitig offenbart die zweite Halbzeit die Grenzen dieser Dominanz.
„Wir müssen ruhiger spielen, aber da gehört auch ein Gegner dazu und die sind heute teilweise für zwei gelaufen. Da haben sie uns ordentlich gequält und wir mussten kämpfen“, sagt Wagner. Es ist eine nüchterne Analyse eines Spiels, das emotional kaum greifbar ist.
In der Tabelle bleibt die SVE in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen, verliert aber ein Stück Kontrolle im Rennen um die Top drei. Gerade deshalb wiegt dieser Abend schwerer, als es ein Unentschieden normalerweise tut. Die Ausgangslage war ideal, die Entwicklung vielversprechend – das Ergebnis am Ende ernüchternd.
Die Herausforderung wird nun sein, aus diesem Spiel die richtigen Schlüsse zu ziehen. Elversberg hat gezeigt, dass es in der Lage ist, auch unter schwierigen Bedingungen zurückzukommen und Spiele zu dominieren. Der nächste Schritt besteht darin, diese Dominanz auch über 90 Minuten zu sichern.
Das kommende Duell gegen den SC Paderborn wird zur nächsten Standortbestimmung. Wieder ein Spitzenspiel, wieder ein direkter Konkurrent. Der Abend in Darmstadt liefert dafür genügend Ansatzpunkte – positive wie kritische. Ein Spiel, das alles offenbarte: die Stärke dieser Mannschaft, aber auch die Punkte, an denen sie noch wachsen muss.