Nordwind und Neuanfang – SVE trifft auf Kiel im Modus Neustart

Die SV Elversberg steht vor einer Reise ins Ungewisse. Am Samstag (13.00 Uhr) gastiert die Mannschaft von Vincent Wagner im Holstein-Stadion – und trifft dort auf einen Gegner mit neuem Trainer. Bei Holstein Kiel beginnt mit Tim Walter eine neue und alte Ära. Drei Tage nach seinem Amtsantritt steht der 24. Spieltag für die Norddeutschen unter besonderen Vorzeichen. Für Elversberg ist es die nächste Bewährungsprobe in einer starken Saison.
Nicht jedes Spiel lässt sich im Vorfeld klar einordnen. Dieses schon gar nicht. Für die SV Elversberg geht es an diesem Wochenende weit in den Norden Deutschlands. Am Samstag, 28. Februar, tritt die Mannschaft von Trainer Vincent Wagner bei Holstein Kiel an. Anstoß im Holstein-Stadion ist um 13.00 Uhr, 10.500 Tickets sind im Vorverkauf bereits abgesetzt worden. Die Bühne ist bereitet – und doch ist vieles offen.
Erst am vergangenen Dienstag trennte sich die KSV Holstein von ihrem langjährigen Trainer Marcel Rapp. Noch am selben Tag wurde Tim Walter als Nachfolger vorgestellt, am Mittwoch leitete der 50-Jährige sein erstes Training. Es ist Spiel Nummer eins unter seiner Regie – ein völlig Unbekannter ist er in Kiel jedoch nicht. Vincent Wagner blickt neugierig auf das kommende Spiel: „Wir sind gespannt, wie viel er schon von seiner Idee ins Spiel am Samstag einbringt“, sagt Vincent Wagner. „Am Ende sind es nur drei Tage, in denen sie zusammenarbeiten konnten.“ Drei Tage zwischen Neustart und Ernstfall – mehr Zeit bleibt nicht. Walter selbst dämpft die Erwartungshaltung. „Man kann jetzt keine Wunderdinge erwarten“, sagt der Rückkehrer über seine ersten Tage beim abstiegsbedrohten Tabellen-14. „Denn in drei Tagen kann man nicht alles verändern. Es geht erst einmal darum, positive Energie auszustrahlen.“
Walter kennt Kiel. Zwischen Juli 2018 und Juni 2019 arbeitete er hier in seinem ersten Trainerjob im Profigeschäft, führte die „Störche“ damals auf Platz sechs der 2. Bundesliga. Danach folgten Stationen beim VfB Stuttgart, beim Hamburger SV – wo er in dreieinhalb Jahren vergeblich versuchte, in die Bundesliga zurückzukehren – sowie ein kurzes Engagement bei Hull City. Nun ist er zurück am Westring. „Wir freuen uns ganz, ganz arg auf dieses Spiel“, sagt Walter und spricht von einem „sehr positiven ersten Eindruck“. Viel habe sich verändert, meint er. „Aber die Verantwortlichen kenne ich sehr gut und lange. Das hat mir den Einstieg hier ein bisschen erleichtert.“
Wir freuen uns ganz, ganz arg auf dieses Spiel
Tim Walter
Sportlich steht Kiel unter Druck. Fünf Pflichtspielniederlagen in Folge haben die Mannschaft ins untere Tabellenmittelfeld abrutschen lassen. Tabellenplatz 14 – eine Position, die angesichts der individuellen Qualität überraschend wirkt. „Jedes Spiel in der 2. Liga ist schwer“, bekräftigt Walter. Trotz aller eigenen Baustellen richtet Tim Walter den Blick mit deutlichem Respekt ins Saarland. Die SV Elversberg sei „eine sehr, sehr gute Mannschaft“, betont der 50-Jährige. „Dort wird hervorragende Arbeit geleistet.“ Dass die SVE nach personellem Aderlass vor der Saison erneut zu den stabilsten Teams der Liga zählt, beeindruckt ihn „sehr, sehr“. Elversberg spiele mit Klarheit, mit Struktur und mit einer erkennbaren Handschrift, sagt Walter – und meint damit auch den Einfluss von Vincent Wagner: „Er macht das toll.“ Für die SVE sind solche Aussagen mehr als Höflichkeit. Sie spiegeln wider, wie sehr sich der Klub inzwischen ligaweit Respekt erarbeitet hat.
Auch Wagner weiß um die Qualität des Gegners. „Ich erinnere mich gut an das Hinspiel“, sagt er mit Blick auf den knappen 1:0-Erfolg der SVE Ende September 2025. „Es war ein Spiel auf Augenhöhe. Genauso wird es auch jetzt wieder sein. Gerade mit einem neuen Trainer werden sich die Kieler Jungs zeigen wollen.“ Das Hinspiel war eine ausgeglichene Angelegenheit, entschieden durch ein Elfmetertor. Überhaupt sind die bisherigen Duelle torarm verlaufen: In fünf Aufeinandertreffen erzielten beide Klubs jeweils vier Tore. Die Gesamtbilanz spricht mit zwei Siegen, zwei Remis und einer Niederlage knapp für Elversberg.
Wie Kiel auftreten wird, ist offen. Unter Rapp war häufig eine Dreierkette zu sehen. Walter gilt als Verfechter einer Viererabwehr, als Trainer mit klarer Vorliebe für Ballbesitz und Offensive. Doch auch er betont die Notwendigkeit von Pragmatismus. „Es geht darum, die Dinge so einfach wie möglich zu halten für die Jungs“, sagt er. „Es geht vor allem darum, pragmatisch zu denken und den Jungs kurze Schlüssel an die Hand zu geben, wie sie vielleicht besser das Schloss aufschließen können. Und ich glaube, das ist jetzt das Entscheidende.“ Gegen Elversberg gehe es um Kompaktheit und Erfolg im Gegenpressing.
Die personelle Ausgangslage bei den Gastgebern ist komfortabel. Walter spricht von einer „Luxussituation“. Lediglich die „üblichen Verdächtigen“ – Carl Johansson (Knieprobleme) und Steven Skrzybski, der nach einem Muskelbündelriss erste Fortschritte macht – werden fehlen. Selbst auf der Torwartposition lässt sich der neue Coach nicht in die Karten schauen. „Timon ist ein sehr guter Junge“, sagt er über Timon Weiner, „aber auch Jonas Krumrey ist ein sehr guter Torhüter“. Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: „Ihr werdet sehen, wer am Samstag im Tor steht.“ Maßgeblichen Einfluss auf seine Entscheidung hat Co-Trainer Dirk Bremser, der mit seinen Insider-Kenntnissen wertvolle Hinweise liefern soll.
Für Elversberg gilt es, sich schnell auf die Unwägbarkeiten einzustellen. „Es wird ein guter Gegner auf uns zukommen“, sagt Wagner. „Ob sie in ihrem bisherigen System spielen oder auf einen aktiveren Fußball umstellen, wird sich zeigen. Es wird sicher eine Herausforderung, schnell zu erkennen, welche Idee Kiel an diesem Tag verfolgt. Aber wir sind in der Lage, solche Situationen schnell anzunehmen und zu reagieren. Wir schauen auf uns und darauf, wie wir Fußball spielen wollen.“ Dieser Fokus auf das eigene Spiel zieht sich durch die Saison – unabhängig vom Gegner.
Kiel will Energie, Kompaktheit und neue Impulse auf den Platz bringen. „Die mit der meisten Energie werden auf dem Platz stehen“, kündigt Walter an, „die, die für den Verein und ihr Team alles tun“. Elversberg reist mit dem Selbstverständnis eines Tabellendritten an den Westring – stabil, klar strukturiert, mit einer erkennbaren Handschrift. Personell ist die Lage nahezu entspannt. Einzig hinter Bambasé Conté steht noch ein Fragezeichen. Alle anderen Spieler stehen nach aktuellem Stand zur Verfügung.
So trifft am Samstag im Holstein-Stadion Bewährtes auf Aufbruch, Kontinuität auf Neuanfang. Für Kiel ist es das erste Kapitel unter neuer Führung. Für Elversberg die nächste Etappe einer bislang bemerkenswert konstanten Saison. Die Voraussetzungen sind klar – und doch bleibt vieles offen. Genau das macht diese Reise in den Norden so reizvoll.