Saarbrücken greift in Frankfurt nach dem Triple

Beim ersten Final-Four-Turnier um die Deutsche Tischtennis-Meisterschaft will der 1. FC Saarbrücken TT eine außergewöhnliche Saison vollenden. Nach Pokalsieg und Champions-League-Triumph wartet in Frankfurt zunächst Werder Bremen – und für Fan Zhendong sowie Darko Jorgic der letzte Auftritt im FCS-Trikot.
Es ist ein Wochenende, das für die Tischtennis-Bundesliga mehr sein soll als nur der Abschluss einer Saison. Wenn am Samstag und Sonntag in der Süwag Energie ARENA der Deutsche Meister ermittelt wird, betritt die Liga Neuland. Erstmals wird die Meisterschaft als Final Four ausgespielt, komprimiert auf zwei Tage, verdichtet auf drei Spiele. Für den 1. FC Saarbrücken TT ist dieses neue Format die Chance, einer besonderen Saison den letzten, größten nationalen Stempel aufzudrücken.
Saarbrücken reist nicht als irgendeiner der vier Teilnehmer nach Frankfurt. Der FCS kommt als frisch gekrönter Champions-League-Sieger, als amtierender Pokalsieger und damit als Mannschaft, die bereits zwei der wichtigsten Titel dieser Spielzeit gewonnen hat. Nun fehlt die Deutsche Meisterschaft. Ein Erfolg am Main würde das Triple bedeuten, den Dreiklang aus Europas Königsklasse, nationalem Pokal und Bundesliga-Titel. Saarbrücken hat sich in dieser Saison mit der Verpflichtung von Fan Zhendong zum Titelfavoriten in allen Wettbewerben gemacht. In Frankfurt kann aus dieser Erwartung eine historische Vollendung werden.
Dabei ist die Dramaturgie fast zu groß, um sie künstlich aufladen zu müssen. Fan Zhendong, Olympiasieger und einer der prägenden Spieler des Welttischtennis, wird beim Liebherr TTBL Final4 letztmals für den 1. FC Saarbrücken TT aufschlagen. Sein Engagement hat die Liga verändert und die Wahrnehmung des FCS noch einmal verschoben. Schon in der Hauptrunde war von einem Fan-Effekt die Rede. Mehr als 70.000 Zuschauer verfolgten die Spiele an den Spielorten, so viele wie nie zuvor. Nun soll der größte Name der Liga seine Zeit in Saarbrücken mit einem weiteren Titel beenden.
Dass der Blick auf Saarbrücken so stark über Fan Zhendong läuft, ist verständlich. Vollständig ist er damit nicht. Mit Patrick Franziska und Darko Jorgic stehen neben dem chinesischen Olympiasieger zwei weitere überragende Spieler in dieser Mannschaft. Gemeinsam bilden sie den Kern eines Teams, das in dieser Saison bereits Pokal und Champions League gewonnen hat und nun auch in Frankfurt nach dem nächsten Titel greift. Genau darauf verweist Teammanager Nicolas Barrois: „Wir freuen uns sehr auf das tolle Event in Frankfurt. Mit Final-Four-Veranstaltungen haben wir bereits Erfahrung – und vor allem sehr positive Erfahrungen gesammelt. Entsprechend blicken wir voller Vorfreude und mit gutem Gefühl auf die Aufgabe gegen Bremen.“
Wir freuen uns sehr auf das tolle Event in Frankfurt. Mit Final-Four-Veranstaltungen haben wir bereits Erfahrung – und vor allem sehr positive Erfahrungen gesammelt. Entsprechend blicken wir voller Vorfreude und mit gutem Gefühl auf die Aufgabe gegen Bremen.
Teammanager Nicolas Barrois
Noch stärker als bei Fan Zhendong trägt der Abschied von Darko Jorgic für Saarbrücken eine eigene Tiefe. Fan war das große Ereignis dieses Jahres, der Weltstar, der die Liga elektrisierte. Jorgic aber steht für eine längere Geschichte. Er hat in Saarbrücken nicht nur Titel gewonnen, sondern sich hier zu einem Weltklasse-Spieler und Gesicht dieser erfolgreichen FCS-Jahre entwickelt. Auch für ihn wird Frankfurt der letzte Auftritt im Saarbrücker Trikot. Sein Vermächtnis ist deshalb nicht kleiner, sondern in gewisser Weise größer: Es erzählt nicht von einem spektakulären Gastspiel, sondern von Entwicklung, Bindung und gemeinsamer Prägung.
Diese emotionale Lage darf den Fokus nicht verschieben. Franziska beschreibt die Ausgangslage als Mischung aus Hunger und Gelassenheit. „Da wir sehr, sehr viele Wettkämpfe im Jahr haben und auch Highlights, ist es, glaube ich, jetzt nicht schwer, sich nochmal für das Final4 zu motivieren, vor allem, nachdem wir schon zwei Titel gewonnen haben. Dadurch sind wir natürlich mega heiß auf das Final4, trotzdem aber auch relativ entspannt. Es muss sich keiner Sorgen machen, dass wir keine Motivation mehr hätten.“ Der Kapitän weiß zugleich, dass Saarbrücken nicht nur von Fan Zhendong abhängig sein darf: „Wenn man Fan Zhendong verpflichten kann oder mit Fan Zhendong spielt, muss es einerseits auch ein wenig der Anspruch des Vereins sein, mindestens den Versuch zu unternehmen, jeden Titel zu gewinnen. Auf der anderen Seite hat man auch gesehen, dass Fan auch nur ein Mensch ist und auch mal Spiele verlieren kann, deshalb braucht es da auch immer noch die ganze Mannschaft.“
Es muss sich keiner Sorgen machen, dass wir keine Motivation mehr hätten.
Patrick Franziska
Diese Aufgabe ist der SV Werder Bremen. Am Samstag um 17 Uhr trifft Saarbrücken im zweiten Halbfinale auf die Hanseaten, die sich sensationell den zweiten Tabellenplatz der Hauptrunde gesichert haben. Bremen ist nicht zufällig in Frankfurt, sondern als eine der stärksten Mannschaften der regulären Saison. Der Club reist mit Selbstbewusstsein an. Bremen hat schon gezeigt, dass es Saarbrücken schlagen kann. Das 3:2 an der Weser verhindert, dass dieses Halbfinale nur als Formsache gelesen werden darf.
Kirill Gerassimenko hat diesen Gedanken vor dem Turnier ausdrücklich gemacht. „Das Spiel gegen Saarbrücken“, meinte er, „ist ja vielleicht auch unsere Chance zu zeigen, was wir draufhaben, und dass wir gegen sie gewinnen können.“ Die Wahrnehmung als bloßer Underdog weist er zurück: „Für mich ist unsere Teilnahme am TTBL Final4 gar keine Überraschung, und wir verdienen es, als Spitzenteam zu gelten, denn wir können generell jeden schlagen.“ Aus Saarbrücker Sicht ist diese Bremer Mischung gefährlich: genug Qualität, Erinnerung und Freiheit, um an die Wiederholung zu glauben.
Franziska ordnet den Gegner ähnlich nüchtern ein: „Bremen hat in der regulären Saison überragend gespielt. In Bremen haben wir auch verloren gegen sie, auch mit Bestbesetzung. Deshalb sind wir schon sehr gewarnt und konzentrieren uns auch wirklich jetzt nur auf dieses Halbfinale.“ Werder-Trainer Cristian Tamas spricht zwar klar von den Kräfteverhältnissen: „Die Weltranglistenpositionen und besonders die Qualität seiner Spieler machen Saarbrücken einfach zum Favoriten.“ Noch einmal gegen Saarbrücken zu gewinnen, wäre für ihn dennoch „die Wiederholung einer Sensation.“
Die Weltranglistenpositionen und besonders die Qualität seiner Spieler machen Saarbrücken einfach zum Favoriten.
Werder-Trainer Cristian Tamas
Der FCS muss also zwei Dinge gleichzeitig aushalten: die eigene Favoritenrolle und die Erinnerung daran, dass Bremen sie schon einmal unterlaufen hat. Marcelo Aguirre besiegte im Bremer Heimspiel Fan Zhendong, ein Ergebnis, das in der Vorbereitung der Hanseaten sichtbar weiterlebt. „Marcelo Aguirre hat Fan Zhendong in unserem Heimspiel besiegen können“, sagt Gerassimenko. „Und da die Tische in Frankfurt die gleichen sein werden wie bei unseren Heimspielen, denke ich, dass wir alle gut auf ein Duell mit Fan vorbereitet sein werden.“ Für Saarbrücken ist das ein Hinweis darauf, dass dieses Halbfinale nicht allein über Namen entschieden wird.
Gerade deshalb ist die Rolle des FCS heikel. Saarbrücken ist Favorit, aber nicht unverwundbar. Das Team hat Pokal und Champions League gewonnen, aber die Hauptrunde der TTBL nur auf dem vierten Platz beendet. Am letzten Spieltag gab es ein 1:3 in Bergneustadt. Das passt zur Spannung dieser Saison: Der FCS hat die größten Titelchancen, muss sie aber in einem Format bestätigen, das keinen langen Anlauf erlaubt. Ein schlechter Start, ein verlorenes Schlüsselduell, ein kippendes Doppel können genügen, um ein ganzes Jahr anders aussehen zu lassen.
Barrois nimmt diese Balance zwischen Respekt und Anspruch auf. „Bremen ist eine starke Mannschaft. Ich rechne mit einem knappen Spiel, sehe uns aber leicht in der Favoritenrolle“, sagt er. Dieser Satz trifft die Lage. Saarbrücken muss Bremen ernst nehmen, darf sich aber nicht kleiner machen, als es ist. Wer Champions League und Pokal gewonnen hat, wer mit Fan Zhendong, Franziska und Jorgic nach Frankfurt fährt, kann die Rolle des Jägers nur begrenzt reklamieren. Der FCS wird gejagt. Die Frage ist, ob er aus dieser Position noch einmal jene Ruhe und Schärfe entwickelt, die Finalspiele verlangen.
Das Turnier liefert den passenden Rahmen. Der Ticketverkauf hat früh gezeigt, dass das neue Format angenommen wird. Rund 2.000 Tickets wurden binnen zwei Wochen verkauft, die Liga erwartet Tausende Fans in Frankfurt. Die Süwag Energie ARENA wird an zwei Tagen zum Zentrum des deutschen Tischtennis. Das erste Halbfinale steigt am Samstag um 13 Uhr zwischen Borussia Düsseldorf und dem TTC Schwalbe Bergneustadt, danach folgt um 17 Uhr Bremen gegen Saarbrücken. Am Sonntag spielen die beiden Sieger ab 13 Uhr um die Meisterschaft. Für Saarbrücken bedeutet das: erst Bremen, dann im Erfolgsfall die nächste große Bühne.
Der mögliche Finalgegner wäre reizvoll. Borussia Düsseldorf hat als Hauptrundensieger Bergneustadt gewählt. „Wir haben Bergneustadt gewählt, weil ich denke, dass sie uns besser liegen“, sagte Düsseldorf-Coach Danny Heister. Düsseldorf bleibt der nationale Maßstab, Bergneustadt der unangenehme Herausforderer. „Auf dem Papier mögen wir der Außenseiter sein“, sagt Trainer Frederik Duda, „aber meine Mannschaft hat in dieser Saison mehrfach bewiesen, dass sie gegen jeden Gegner bestehen kann. Wir akzeptieren jede Herausforderung und fahren zum Final4 mit dem klaren Ziel, es zu gewinnen.“
Für den FCS liegt darin auch eine Verpflichtung. Der Verein hat gelernt, mit Final-Four-Turnieren, internationalen Endrunden und Titelspielen umzugehen. Diese Erfahrung kann helfen, wenn am Samstag die ersten Ballwechsel gespielt sind und die Erzählungen des Vorfelds keine Bedeutung mehr haben. Dann wird aus der Triple-Chance eine Abfolge konkreter Aufgaben: Aufstellung, Matchplan, Nerven, Doppel, Druckpunkte. Die großen Namen schaffen Erwartungen, aber gewinnen keine Spiele von allein.
Dass Fan Zhendong zum letzten Mal im Saarbrücker Trikot antritt, gibt dem Ganzen Emotionalität. Sein Abschied soll nicht nur eine Randnotiz sein, sondern im Idealfall ein Titelbild: der chinesische Olympiasieger, der den FCS auf der Frankfurter Bühne noch einmal anführt und nach Pokal und Champions League auch die Meisterschale mitnimmt. Doch diese Erzählung kann gefährlich sein, wenn sie den Blick zu früh auf den Sonntag lenkt. Vor der Krönung steht Bremen. Vor dem Abschiedsmoment steht Arbeit.
Neben Fan steht Jorgic, dessen Abschied für Saarbrücken mindestens ebenso schwer wiegt. Er war nicht nur Teil dieser Mannschaft, er wurde in ihr groß. In ihm bündelt sich vieles von dem, was den FCS in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hat: internationale Ambition, Geduld in der Entwicklung, der Schritt von der starken Bundesligamannschaft zu einem Club, der in Europa Titel gewinnt. Wenn Saarbrücken in Frankfurt tatsächlich das Triple holt, wäre es deshalb mehr als der perfekte Schlusspunkt eines spektakulären Fan-Jahres. Es wäre auch ein würdiger Abschluss einer Ära Jorgic, die den Verein nachhaltig geprägt hat.
So fährt Saarbrücken mit Vorfreude, Druck und historischer Möglichkeit nach Frankfurt. Der FCS ist leicht favorisiert im Halbfinale, einer der großen Favoriten auf den Titel und doch in einem Format gefordert, das keine Sicherheiten kennt. Der K.o.-Charakter macht das Wochenende reizvoll und riskant. Dang Qiu bringt es aus Düsseldorfer Sicht allgemein auf den Punkt: „Jeder ist nur ein Mensch – und man kann gegen jeden gewinnen.“ Für Saarbrücken bedeutet dieser Satz: Die eigene Qualität ist gewaltig, aber sie muss an zwei Tagen vollständig abrufbar sein.
Am Ende könnte Frankfurt für den FCS zum Ort einer Vollendung werden. Ein Sieg gegen Bremen, ein weiterer Erfolg am Sonntag, und aus einer starken Saison würde eine historische. Pokal, Champions League, Deutsche Meisterschaft: mehr kann ein Verein in dieser Konstellation nicht gewinnen. Für Fan Zhendong wäre es der perfekte Abschied, für Darko Jorgic der letzte große Saarbrücker Titel eines langen gemeinsamen Weges, für Franziska und den gesamten FCS der Beweis, dass diese Mannschaft nicht nur für große Namen steht, sondern für große Titel. Für den FCS wäre das ein Moment von Seltenheitswert. Noch aber ist nichts gewonnen. Deshalb beginnt dieses Final Four nicht mit der Frage nach dem Triple, sondern mit der Aufgabe, die Bremen heißt.