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Spitzenreiter mit Bodenhaftung – Wie die SV Elversberg die 2. Liga erobert

Die SV Elversberg steht zur zweiten Länderspielpause der Saison überraschend auf Platz eins der 2. Bundesliga. Trotz eines Umbruchs im Sommer, trotz begrenzter Mittel – und trotz anhaltender Skepsis im Umfeld. Doch von Euphorie ist an der Kaiserlinde keine Spur. Trainer Vincent Wagner mahnt zur Geduld, Sportvorstand Ole Book baut im Hintergrund weiter geduldig am langfristigen großen Plan. Ein Zwischenfazit.

In Elversberg weht kein Hauch von Arroganz durch die URSAPHARM-Arena. Keine aufgeregten TV-Teams, keine inszenierten Jubelbilder, keine Selbstbeweihräucherung. Stattdessen: Demut und Bodenhaftung. Als Vincent Wagner nach dem fast souveränen 4:0-Erfolg bei Abstiegskandidat Magdeburg gefragt wird, wie er auf die Tabellenführung reagiert, antwortet er in bester Untertreibungsmanier: „Wir sind ja noch nicht mal beim Weihnachtsmann angekommen – deswegen ist das relativ.“ Und fügt an:

Wir brauchen noch 21 Punkte, dann haben wir unser erstes großes Ziel erreicht.

Das große Ziel – das ist nicht der Aufstieg in die Bundesliga, sondern weiterhin: der Klassenerhalt. Doch die Realität nach acht Spieltagen sieht anders aus. Mit 19 Punkten grüßt die SV Elversberg zum zweiten Mal in ihrer Vereinsgeschichte von ganz oben. Das Torverhältnis ist das Beste der Liga. In vier Spielen blieb die Mannschaft ohne Gegentor. Die Offensive ist mit 16 Treffern die produktivste der Liga. Die Zahlen sind eindeutig, aber niemand im Verein will sie allzu hoch hängen. Nicht einmal die Spieler.

„Die 2. Liga ist sehr wild, da kann alles passieren“, sagt Offensivspieler Bambasé Conté, der bislang mit einem Tor und vier Vorlagen glänzte. „Wir bleiben bei uns.“ Tom Zimmerschied, ebenfalls Torschütze in Magdeburg, pflichtet ihm bei:

Es ist viel zu früh, jetzt über irgendwelche Ziele zu sprechen und sich darüber Gedanken zu machen. Wir wollen einfach jede Woche gut spielen und die Welle reiten, solange es geht.

Doch die Welle, die Elversberg aktuell reitet, ist beeindruckend. Sechs Spiele ungeschlagen, 16 von 18 möglichen Punkten geholt, neun Tore in den letzten drei Partien erzielt. Die Offensive läuft wie geschmiert, das System greift. Vincent Wagner, im Sommer von der U23 der TSG Hoffenheim geholt, hat es geschafft, an das Erfolgsmodell seines Vorgängers Horst Steffen anzuknüpfen – und ihm neue Nuancen zu geben. Das Tempo ist höher, die Abläufe klarer, das Pressing mutiger. Wagner sagt:

Wir wollen guten Fußball spielen – da sind wir auf einem guten Weg.

Dass dieser Weg so glatt verläuft, ist auch einem Mann zu verdanken, der sich selten in den Vordergrund drängt. Sportvorstand Nils-Ole Book, seit acht Jahren im Amt, hat nicht nur den Umbruch im Kader mit 13 Neuzugängen und elf Abgängen fast geräuschlos gemeistert. Er hat auch den Trainerwechsel reibungslos vollzogen – obwohl mit Horst Steffen eine Identifikationsfigur ging, die Elversberg in die 2. Liga geführt hatte. Book fand in Wagner einen Coach, der den eigenen Stil weiterentwickeln kann, ohne dabei die DNA des Klubs zu verlieren.

Dass Book kürzlich seinen Vertrag verlängert hat – obwohl Borussia Mönchengladbach Interesse bekundete – gilt als Signal für Kontinuität und Ehrgeiz gleichermaßen. „Wir dürfen auf keinen Fall anfangen zu träumen, das wäre kein guter Ratgeber“, sagt er zum derzeitigen Höhenflug. Träumen sollen andere – Book bleibt lieber pragmatisch. Auch deshalb funktioniert die SVE so gut. Sie hat eine klare Idee, einen ruhigen Unterbau, eine funktionierende Achse.

Diese Achse ist inzwischen eine andere als in der vergangenen Saison. Spieler wie Fisnik Asllani und Muhammad Damar, die als Leihgaben tragende Rollen spielten, sind gegangen. Doch an ihre Stelle traten neue Gesichter – manche schon im Winter gekommen, andere im Sommer verpflichtet. Younes Ebnoutalib etwa. Der 22-Jährige war in der Rückrunde noch Schattenmann, in dieser Saison ist er mit sechs Treffern Topscorer. Auch Amara Condé, Neuzugang aus Magdeburg, hat sich als Stratege im Mittelfeld etabliert – und als Kapitän, solange Lukas Pinckert verletzt fehlt.

Dass die SVE vorrangig gegen Gegner aus der zweiten Tabellenhälfte spielte, lässt Condé nicht gelten: „Mich interessiert das eigentlich gar nicht, auf welchem Tabellenplatz unsere Gegner sind“, sagt Condé. „Ich habe schon viele Spiele in dieser 2. Bundesliga gemacht. Es gibt keine schwachen Gegner. Wenn der Gegner nicht richtig vorbereitet wird und du auf dem Platz nicht alles gibst, dann verlierst du das Spiel – egal gegen wen.“

Condés Aussage passt zur Herangehensweise des gesamten Teams: fokussiert, realistisch, leidenschaftlich. Das zeigt sich auch im Spiel. Die Gegner, die sich in der Vorsaison noch tief hinten einigelten und Elversberg zur Verzweiflung trieben – sie bereiten in dieser Spielzeit weniger Probleme. Die Saarländer sind variabler geworden, geduldiger, reifer. Gegen die besseren Teams könnte die SVE nun vielleicht eine weitere Stärke präsentieren: „Vielleicht spielen die ja offensiv mit, und so kommen wir mal zu unserem Umschaltspiel. Das konnten wir bislang noch nicht so zeigen, da die Gegner meistens tief standen.“

Dabei ist die Kaderstruktur bemerkenswert. Während viele Zweitligisten auf erfahrene Routiniers setzen, vertraut Elversberg auf junge, hungrige Spieler mit Entwicklungspotenzial. Otto Stange zum Beispiel, 18 Jahre jung, Leihgabe vom HSV. Der Angreifer kommt bislang zumeist von der Bank – hat aber schon zwei Tore erzielt. Auch bei ihm deutet sich an, was Elversberg in den letzten Jahren so stark gemacht hat: Talente, die im Schatten groß werden dürfen.

Hinzu kommt ein Wettbewerb auf den Positionen, den es in dieser Tiefe in Elversberg selten gab. Das zeigte sich zuletzt beim Spiel in Magdeburg, als gleich beide etatmäßigen Außenverteidiger – Lasse Günther und Jan Gyamerah – verletzt fehlten. Doch ihre Vertreter Nicholas Mickelson und Felix Keidel lieferten ab. Keidel, ohnehin eine der positiven Überraschungen dieser Saison, war bereits an fünf Toren direkt beteiligt. „Wenn die Jungs, die nicht von Beginn an spielen, reinkommen, schieben sie alle richtig an“, lobt Wagner. „Das ist in allen Mannschaftsteilen so, und das müssen wir unbedingt beibehalten.“

Wie sehr die Mannschaft inzwischen in der Breite gewachsen ist, zeigte auch das Testspiel gegen den Bundesligisten VfB Stuttgart während der Länderspielpause. Trotz einer 0:2-Niederlage verkaufte sich Elversberg ordentlich – vor allem in der zweiten Halbzeit. Wagner nutzte die Partie, um Belastung zu steuern und neue Konstellationen zu testen.

Dass Elversberg auf dem ersten Tabellenplatz steht, ist Ergebnis harter Arbeit – aber auch Ausdruck einer Haltung. Das Team wirkt gefestigt, in sich ruhend, mit einer klaren inneren Ordnung. „Wir haben einfach eine gute Harmonie. Es macht Mega-Bock mit den Jungs“, sagt Conté – ein Satz, der banal klingt, aber viel über das Innenleben der Mannschaft verrät. Und wohl auch entscheidend ist dafür, dass die Mannschaft derzeit so gut funktioniert. 

Nach dem spielfreien Wochenende richtet sich der Blick wieder auf das sportliche Tagesgeschäft. Am Sonntag, 19. Oktober, empfängt die SV Elversberg um 13:30 Uhr die SpVgg Greuther Fürth in der URSAPHARM-Arena. Ein Gegner aus dem oberen Tabellendrittel – und damit ein erster echter Gradmesser auf dem Weg in eine zweite Saisonhälfte, in der es wohl um mehr gehen wird als „nur“ den Klassenerhalt.

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