SVE startet ins Bundesliga-Abenteuer – Elversberg wächst in neue Aufgaben

Die SV Elversberg geht erstmals in eine Bundesliga-Saison. Nach dem historischen Aufstieg beginnt an der Kaiserlinde nicht nur ein neues sportliches Kapitel, sondern auch ein organisatorischer Kraftakt. Sportdirektor Christian Weber muss den Kader weiterentwickeln, Zugänge einordnen, Abgänge vorbereiten und zugleich den Weg schützen, der den Verein überhaupt erst dorthin geführt hat.
Es sind diese Wochen, in denen sich ein Aufstieg noch einmal anders anfühlt. Nicht mehr nur wie ein Rausch, nicht mehr nur wie ein Bild aus dem letzten Heimspiel, nicht mehr nur wie eine Geschichte, die man sich in Elversberg noch vor wenigen Jahren kaum ernsthaft auszumalen wagte. Die Tabelle ist noch leer, der Ball ruht noch, die Mannschaft befindet sich im Urlaub. Aber hinter den Kulissen ist aus Euphorie längst Arbeit geworden. Der Verein baut um, sortiert, plant, telefoniert, verhandelt und muss in kurzer Zeit vieles von dem vorbereiten, was im Oberhaus selbstverständlich ist und an der Kaiserlinde erst wachsen muss.
Der erste große Sommer als Bundesligist ist deshalb kein normaler Transfersommer. Die Mannschaft braucht Verstärkung. Das Stadion wird weiter angepasst. Wegen der Anforderungen der Liga müssen Strukturen erweitert und Stellen geschaffen werden. Gleichzeitig soll genau das nicht verloren gehen, was Elversberg stark gemacht hat: Ruhe, Klarheit, Zusammenhalt, eine erstaunliche Sachlichkeit im Erfolg und ein sportlicher Weg, der nie nur aus Ergebnissen bestand, sondern aus Haltung.
In der Mitte dieser Arbeit steht Christian Weber. Der 42-Jährige hat im April die Nachfolge von Ole Book angetreten, der nach sieben prägenden Jahren zu Borussia Dortmund gewechselt ist. Weber übernimmt kein leeres Blatt, sondern ein erfolgreich beschriebenes. Und er übernimmt es in dem Moment, in dem die Anforderungen größer werden als je zuvor. „Definitiv sehr groß, aber ich würde es eher als sehr spannende Aufgabe bezeichnen“, sagt Weber über die Herausforderung, das Abenteuer Bundesliga zu managen. Der Aufstieg verändere die Möglichkeiten, gerade in der Kaderplanung. Elversberg könne nun „in ein anderes Regal greifen“, weil der Verein die Plattform Bundesliga bieten könne. Das zeigt, wie sich die SVE in diesem Sommer bewegt: nicht mit der Wucht der großen Etats, aber mit einer neuen Attraktivität. Der Verein ist klein, aber nicht mehr unbekannt. Und er kommt nicht als Zufallsprodukt.
Der erste Beleg dafür ist Lukasz Poreba. Der Pole war in der Aufstiegssaison vom Hamburger SV ausgeliehen und wurde schnell zu einem jener Spieler, deren Wert sich nicht nur an Toren und Vorlagen messen ließ. Die SVE zog die Kaufoption und band den zentralen Mittelfeldspieler bis 2029. Das ist mehr als eine Personalie. Es ist ein Signal, dass der Verein in der Bundesliga nicht nur auf neue Reize setzt, sondern auch auf Verlässlichkeit. Weber beschreibt Poreba als Spieler, der „mit seinen Qualitäten im Spiel gegen den Ball, seiner Spielintelligenz und seiner herausragenden Mentalität“ großen Anteil am Erfolg gehabt habe. Genau diese Mischung wird im Oberhaus noch wertvoller.
Ganz anders gelagert ist der Transfer von Maurice Krattenmacher, und doch passt auch er in das Elversberger Bild. Der 20-Jährige kommt vom FC Bayern München, erhält einen Vierjahresvertrag und bringt den Ruf eines hochveranlagten Offensivspielers mit, dessen Weg zuletzt nicht ganz linear verlief. Bei der SVE soll er nun nicht als fertiger Bundesliga-Profi erscheinen, sondern als Spieler, dessen Anlagen in ein klares Profil passen. Weber sieht ihn vor allem auf der linken Außenposition im 4-2-3-1, allerdings nicht als klassischen Linienflügel. Krattenmacher habe „ein sehr gutes Gefühl für Räume“ und könne mit Dribblings und Dynamik Torgefahr entwickeln.
Das ist ein entscheidender Punkt in der Elversberger Kaderplanung. Die SVE sucht nicht einfach Namen, sondern Funktionen. Krattenmacher soll Räume finden, Tempo aufnehmen, Positionen wechseln, in der offensiven Dreierreihe mehrere Rollen bekleiden. Weber nennt das Polyvalenz, und es ist in diesem Sommer eines der Schlüsselwörter. Elversberg wird im Vergleich zu den meisten Konkurrenten mit einem kleineren Kader arbeiten müssen. Es wird nicht möglich sein, jede Rolle doppelt mit Bundesliga-Erfahrung zu besetzen. Also müssen Spieler mehrere Aufgaben lösen können.
Auch Francis Onyeka steht für diese Idee. Der 19-Jährige kommt für ein Jahr auf Leihbasis von Bayer Leverkusen, nachdem er in der vergangenen Saison beim VfL Bochum in der 2. Bundesliga Spielzeit gesammelt und mit neun Torbeteiligungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Weber sieht ihn als Achter, als Box-to-Box-Spieler, mit Größe, Laufstärke, fußballerischer Qualität und Präsenz. In Bochum spielte Onyeka als falsche Neun, als Zehner, Achter und Sechser. Auch das passt zum Profil eines Kaders, der nicht über Masse kommen kann, sondern über Anpassungsfähigkeit.
Dass Krattenmacher und Onyeka jung sind und im Oberhaus noch keine feste Größe waren, ist kein Nebengeräusch, sondern Teil des Plans. Elversberg wird sich im ersten Bundesligajahr nicht vorwiegend über fertige Erstligaprofis definieren können. Weber sagt offen, dass das Profil eines gestandenen Bundesligaspielers „schwierig bis unmöglich zu realisieren“ sei, weil solche Spieler sportlich und wirtschaftlich in Sphären unterwegs seien, die für die SVE im ersten Jahr nicht erreichbar seien. Das ist keine Kapitulation vor dem Markt, sondern eine nüchterne Standortbestimmung. Der Verein muss anders denken. Er muss früher erkennen, sauberer entwickeln, genauer einschätzen und schneller integrieren. Elias Etringer, der aus dem Nachwuchs des SC Freiburg zurückkehrt und schon in der Jugend für Elversberg spielte, ergänzt das Torwartteam und soll schrittweise an den Profibereich herangeführt werden. Auch dieser Transfer erzählt etwas über die SVE. Es geht nicht nur um den unmittelbaren Bundesliga-Kader, sondern auch darum, Verbindungen zu halten und Entwicklungswege zu schaffen.
Trotzdem ist der Kader noch lange nicht fertig. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Sommers. Die bisherigen Zugänge sind ein Anfang, kein Abschluss. Weber und Trainer Vincent Wagner sprechen täglich miteinander, teils ein- bis zweimal in längeren Telefonaten. Der Trainer ist aus Sicht des Sportdirektors „der wichtigste Mann innerhalb unseres Vereins“. Dabei gehe es weniger darum, konkrete Spielernamen abzugleichen, sondern um Profile: Welche Elemente fehlen dem Kader? Welche Anforderungen haben die Positionen? Welche Spieler können die Spielidee tragen, ohne den Rahmen zu sprengen? In dieser Verbindung aus sportlicher Idee und wirtschaftlicher Realität entscheidet sich, wie gut Elversberg vorbereitet in die Saison geht.
Im Moment liegt die Priorität in der Innenverteidigung. Dort sucht die SVE gezielt nach einem passenden Profil. Zugleich könnte perspektivisch auch der Sturm noch ein Thema werden. Luca Pfeiffer, in der vergangenen Saison lange verletzt und mit wenig Spielzeit, soll zunächst nach der Sommerpause bewertet werden. Weber traut ihm mit Größe, Wucht und Kopfballstärke zu, auch in der Bundesliga ein wichtiges Element zu werden. Aber die Lage bleibt offen, zumal die SVE in der Spitze nicht über eine Vielzahl belastbarer Alternativen verfügt.
Offen ist auch die Frage, was aus Immanuel Pherai wird. Der Offensivspieler war in der Rückrunde vom HSV ausgeliehen und spielte auf der Zehn. Eine Kaufoption liegt vor, doch der Deal ist wirtschaftlich anspruchsvoll. Weber sagt, man befinde sich in Gesprächen mit dem Hamburger SV, „um die Konditionen nochmal anzupassen beziehungsweise den Deal für uns wirtschaftlich attraktiver zu gestalten“. Eine finale Entscheidung sei noch nicht gefallen. Bei Bambasé Conté klingt die Lage anders. Eine Verlängerung der Leihe aus Hoffenheim bezeichnet Weber zum jetzigen Zeitpunkt als ausgeschlossen. Ähnlich schwierig sei es bei Younes Ebnoutalib. Spieler wie Conté oder Ebnoutalib hätten sich nach starken Leistungen in Elversberg in finanzielle Sphären bewegt, die für die SVE auch bei erfolgreicher Arbeit in den kommenden ein, zwei Jahren kaum abbildbar seien. Elversberg ist jetzt Bundesliga, aber nicht plötzlich Bayern, Dortmund, Mainz oder Augsburg. Der Aufstieg verändert die Bühne, nicht die Grundordnung des Marktes.
Deshalb wird sich nicht nur die Zugangsseite bewegen. Auch weitere Abgänge sind wahrscheinlich. Weber geht fest davon aus, „dass uns definitiv noch der ein oder andere Spieler verlassen wird“. Mit einzelnen Spielern habe es Gespräche gegeben, in denen ihnen aufgezeigt worden sei, dass ein Vereinswechsel sinnvoll sein könne, weil die SVE ihnen keine Spielzeit gewährleisten könne. Auch das gehört zur Professionalisierung. Ein kleiner Kader war in der vergangenen Saison Teil des Erfolgs, weil jeder Spieler eine Wertigkeit hatte und die Trainingsintensität hoch blieb. In der Bundesliga wird diese Logik nicht automatisch einfacher. Junge Spieler brauchen Wettkampf, Ergänzungsspieler brauchen Perspektive, und der Gehaltsetat braucht Luft.
Die Balance ist empfindlich. Elversberg will den Kader so klein wie möglich halten, aber nicht so klein, dass Verletzungen oder Formschwankungen die Statik zerstören. Der Verein will junge Spieler entwickeln, aber nicht mit Unerfahrenheit überfordert werden. Er will den Spielstil bewahren, aber nicht blind in Gegner hineinlaufen, die jede Unsauberkeit bestrafen. Er will mutig bleiben, aber nicht naiv erscheinen. Zwei, drei Spieler mit Erfahrungsschatz sollen noch dazukommen, sei es aus der Bundesliga oder aus einem anderen Land. Spieler also, die in schwierigen Situationen „das Heft des Handelns in die Hand nehmen können“. Gleichzeitig soll der eingeschlagene Weg nicht verlassen werden. Der Sportdirektor ist überzeugt, dass auch im bestehenden Kader Spieler sind, die in der ersten Liga Führungsrollen übernehmen können und sollen.
Wichtig werden dabei jene Spieler, die den Verein seit deutlich kleineren Tagen tragen. Nicolas Kristof, Luca Schnellbacher, Carlo Sickinger und Frank Lehmann haben den Weg seit der Regionalliga mitgemacht. Sie stehen für Kontinuität, für die Kabine, für das Gedächtnis des Vereins. Weber nennt ihre Bedeutung „eminent wichtig“ und verweist auf Werte wie Demut, Bodenständigkeit und Professionalität. In Elversberg sind diese Begriffe mehr als Schmuckwörter, weil der Verein ohne sie kaum dort wäre, wo er jetzt steht.
Denn natürlich wird Elversberg Spiele verlieren. Vielleicht mehrere hintereinander. Vielleicht deutlich. Weber weiß das. Er sagt: „Es wird mit Sicherheit Spiele geben, in denen wir rein qualitativ auf allen elf Positionen schlechter besetzt sein werden als der Gegner, etwa wenn wir gegen Bayern oder Dortmund spielen.“ Der Satz ist bemerkenswert, weil er die Realität anerkennt, ohne sich ihr zu unterwerfen. Elversberg wird nicht so tun können, als sei der Unterschied nur eine Frage von Mut. Aber der Verein wird auch nicht akzeptieren wollen, dass Geld automatisch entscheidet.
Es wird mit Sicherheit Spiele geben, in denen wir rein qualitativ auf allen elf Positionen schlechter besetzt sein werden als der Gegner, etwa wenn wir gegen Bayern oder Dortmund spielen.
Sportdirektor Christian Weber
Genau daraus entsteht die Hoffnung. Weber ist „maximal überzeugt davon“, dass die SVE konkurrenzfähig sein wird. Nicht, weil sie plötzlich dieselben Mittel hat wie andere, sondern weil sie andere Dinge einbringen will: „Ruhe im Umfeld, mannschaftliche Geschlossenheit, eine sehr gute Stimmung und akribisches Arbeiten.“ Diese Attribute waren in der 2. Bundesliga keine Folklore. Sie waren Grundlage für Stabilität, auch in Phasen, in denen der Verein von außen unterschätzt wurde. In der Bundesliga werden sie noch wichtiger, weil die sportliche Unterlegenheit in einzelnen Spielen nicht zu innerer Unruhe werden darf.
Finanziell bleibt der Abstand gewaltig. Weber sieht Elversberg beim Lizenzspielerbudget im Vergleich mit den anderen Bundesligisten ganz unten, vermutlich auf Augenhöhe mit Paderborn. Alle anderen Vereine seien meilenweit voraus, selbst vermeintlich kleinere Konkurrenten wie Mainz oder Augsburg „Lichtjahre“. Das ist drastisch formuliert, aber es hilft, den Maßstab zu klären. Die SVE hat weniger Spielraum, also muss sie weniger Fehler machen.
Das betrifft auch die Infrastruktur. Der Umbau der URSAPHARM-Arena ist Teil des Bundesliga-Alltags. Trainingsmöglichkeiten sollen optimiert werden, Personal muss erweitert werden, Abläufe müssen sich an eine Liga anpassen, in der der Aufwand rund um Spieltage, Medien, Sicherheit und Organisation noch einmal zunimmt. Der Verein muss wachsen, ohne sich aufzublähen.
Sportlich wird Vincent Wagner vor einer Aufgabe stehen, die größer ist als alles, was dieser Verein bisher erlebt hat. Die SVE will den Weg nicht verlassen. Weber beschreibt den Klassenverbleib als selbstverständliches Ziel, nennt aber mindestens genauso wichtig, „dass wir weiterhin mit unserem mutigen, offensiven Spielstil und mit einer klaren Spielidee in unsere Spiele gehen werden“. Gerade wenn zwei, drei oder vier Niederlagen kommen sollten, müsse Elversberg bei sich bleiben. Das klingt einfach, ist aber im Profifußball oft die schwerste Übung. Denn Druck verändert Debatten. Druck verändert Wahrnehmung. Druck verändert die Bereitschaft, Prinzipien zu verteidigen.
Der Kalender setzt dafür bald den Rahmen. Am Montag, 29. Juni, startet Elversberg um 16 Uhr auf dem Trainingsgelände in St. Ingbert in die Vorbereitung. Im Juli folgen Testspiele gegen den FC Gießen, den Schweizer Meister FC Thun und Viktoria Köln, danach das Trainingslager in Barneveld. Im August warten DFB-Pokal und Bundesliga-Start. Bis dahin wird sich der Kader noch verändern. Es wird neue Gesichter geben, vielleicht Abschiede, vielleicht auch Entscheidungen, die erst spät fallen, weil der Markt sich bewegt und Elversberg warten muss, bis Profile erreichbar werden.
Gerade deshalb ist dieser erste Sommer im Oberhaus so besonders. Die SVE darf sich nicht von der eigenen Geschichte berauschen lassen, aber sie darf sie auch nicht vergessen. Der Aufstieg war kein Unfall. Er war das Ergebnis eines Weges, den viele Spieler, Trainer, Verantwortliche und Mitarbeiter über Jahre mitgetragen haben. Jetzt beginnt der schwierigste Teil: diesen Weg in einer Umgebung fortzusetzen, die größer, lauter und härter ist. Christian Weber muss als neuer Sportdirektor nicht alles neu erfinden. Er muss die richtigen Ergänzungen finden, die richtigen Grenzen ziehen und die richtigen Kompromisse eingehen. Er muss Elversberg Bundesliga-tauglich machen, ohne Elversberg zu entstellen.
Die Bundesliga wird Elversberg verändern. Sie wird den Verein fordern, beschleunigen, an Grenzen führen. Aber sie trifft auf einen Klub, der in den vergangenen Jahren gelernt hat, Grenzen nicht als Ausrede zu nehmen. Die neue Saison beginnt deshalb nicht mit großen Ansagen, sondern mit Arbeit. Mit einem Trainingsauftakt in St. Ingbert. Mit Gesprächen auf dem Transfermarkt. Mit einem Kader, der noch nicht fertig ist. Mit einem Stadion, das weiter wächst. Und mit der Überzeugung, dass die SVE auch dort bestehen kann, wo fast alle anderen mehr haben. Genau das war schon oft der Anfang dieser Geschichte.